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Tunesierin in Telgte

Angst um den Rest der Familie

Claus Röttig

Telgte - Der Fernseher läuft seit Tagen im Dauerbetrieb: Nachrichten flimmern über den Bildschirm. Gezeigt werden Menschen, die in Tunis auf die Straße gehen, um gegen den Diktator Zine El Abidine Ben Ali und seine Partei aufzubegehren.

Emine Altun kann ihren Blick kaum vom Fernseher lösen: Denn sie kommt gebürtig aus Tunis. Ihre ganze Familie, sechs Geschwister und deren Kinder, leben noch in der Hauptstadt. Aus Sorge um die Familie habe sie in den vergangenen Nächten nicht schlafen können, erzählt sie. „Ich habe von den Unruhen erst aus dem Fernsehen erfahren.“ „Ich wusste, dass in Tunesien einiges schief läuft, aber was genau passiert, bekamen wir auch nicht immer mit.“ Das habe zum einen daran gelegen, dass es keine Pressefreiheit gibt, zum anderen auch an der Entfernung.

Die Familie von Altun lebt mitten in Tunis, erlebt die Unruhen am eigenen Leib. „Sie haben Schüsse mitbekommen, haben aus Angst nicht mehr geschlafen“, erzählt Emine Altun, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt. Als bekannt wurde, dass der Präsident zurücktrat, machte sich bei ihr große Erleichterung breit. Aber das reicht noch nicht, betont sie. „Auch die Partei muss weg, sonst geht es nicht weiter“, so die Überzeugung der Telgterin, die jetzt natürlich gerne bei ihrer Familie wäre. „Aber im Sommer fliegen wir alle, wenn es klappt, nach Tunesien.“

Emine Altun fühlt mit - gerade mit den Jugendlichen, die zwar alles versuchen, um sich eine Zukunft aufzubauen, aber dennoch nichts haben. Die Touristen hätten von diesen Zuständen allerdings nie etwas mitbekommen. „Die Probleme waren immer da, wo normalerweise eben keine Touristen sind: Die sind meist in den Hotels und in deren Umkreis, aber nicht im Stadtzentrum.“

Für die Zukunft hat Altun nur einen Wunsch: „Ich möchte, dass die Partei abgeschafft wird, und dass die Menschen frei leben können mit einer ganz neuen Regierung.“ Insgesamt hat sie aufgrund der jüngsten Entwicklungen die Hoffnung, dass die Unruhen bald beendet sind. „Endlich hat das Volk den Mut, sich gegen die Diktatur aufzulehnen. Früher konnte man nichts machen, aber nach 23 Jahren haben die Bürger die Nase voll.“

Dennoch kann die Telgterin den Medien nicht wirklich vertrauen. „Das liegt daran, dass man schon so viele Unwahrheiten verbreitet hat - die Pressefreiheit war einfach nicht da.“ Aber das Volk habe zum Teil gewonnen, daher ist sie optimistisch.

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