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Hartz IV: Ein Leben im Abseits

„Angst und Scham begleiten mich“

Oliver Hengst

Greven - Sie hatte eigentlich alles, was man zum Glücklichsein braucht: ein intaktes Familienleben, ein schönes Zuhause, einen Job und ein nettes soziales Umfeld. Sie fühlte sich wohl, alles war gut. Doch irgendwann ließ sie das Glück im Stich, das Leben nahm eine Wendung. Zum Schlechten. Als ob das Schicksal einmal falsch abgebogen wäre. Sie versuchte noch, den Zug aufzuhalten. Doch vergebens. Sie war machtlos. Und von da an ging es bergab. Schwere Krankheit, Jobverlust, Scheidung - das volle Programm. Ohne Chance gegenzusteuern. Ihr entglitt einfach alles. Und plötzlich war nichts mehr so wie vorher.

Nennen wir sie einfach mal Bettina, von Freunden wird sie Tine genannt. Das allerdings passiert ihr nur noch selten. Leute, die Tine zu ihr sagen, trifft sie kaum noch. Der Freundeskreis von einst: längst passe. Bettina lebt heute ein einsames Leben. Ihre bloße Existenz und der Hartz-IV-Regelsatz - das ist alles, was sie hat. Mann, Familie, Haus, Freunde, die gesicherte Existenz - alles verloren. Selbst die eigenen Kinder: entfremdet. Kontakt gibt es kaum noch.

„Ich habe das Gefühl, ich gehöre nirgendwo mehr dazu. Ich bin fertig.“ Während sie das sagt, kullert ihr eine dicke Träne über die Wange, bis hinunter auf den Kragen ihrer gestreiften Bluse. Gewaschen und gebügelt. Eine gepflegte Person, noch immer. Doch hinter der aufgeräumten Fassade ist alles in Unordnung, in Aufruhr. Bettina hat größte Mühe, mit ihrer Situation umzugehen, sie ist eine andere geworden.

„Man fühlt sich so ohnmächtig. Niemand kann einem helfen.“ Aus einem bürgerlichen Leben in Hartz IV abzurutschen - das hat die Mittfünfzigerin schwer aus der Bahn geworfen. Als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie bekam Angstzustände, einen Burn-Out, ihre Hände zitterten bei der Arbeit. Nichts ging mehr. Einst genoss sie bei ihrem Chef den Ruf, die beste zu sein. „Ihre glückliche Zeit“ nennt sie das heute. „Super gut drauf“ sei sie damals gewesen. Aus, vorbei. Heute ist sie berufsunfähig. Die Psyche. „Ich habe therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Dazu stehe ich. Ich kann ja nichts dafür. Hartz IV macht krank.“

Nach dem Zusammenbruch machte sie mal dieses, mal jenes, verweilte mal hier, mal dort, versuchte es auch mit der Selbstständigkeit. Doch ohne Auto war das zum Scheitern verurteilt. Nirgendwo fand sie wieder Halt. Sie bekam einfach kein Bein mehr an den Boden.

600 Bewerbungen hat sie geschrieben, auf zehn Jahre verteilt. Ohne Erfolg. Oft kam nicht mal ein Antwortschreiben. „Mein größter Wunsch wäre es, wieder eine befriedigende Arbeit zu finden, damit dieser Irrsinn aufhört.“

Unterdessen lebt sie in einer kleinen, günstigen Wohnung. Und versucht mit 345 Euro im Monat auszukommen. „Vier Euro am Tag für Essen - wer rechnet das eigentlich aus?“, hat sie für die just in Berlin gescheiterten Verhandlungen über die Hartz-IV-Reform wenig Verständnis. „Hier geht es auch um die Menschenwürde.“ Darum, einen Weg aus der sozialen Isolation zu finden. Wieder wertgeschätzt zu werden. Sich einfach mal einen Kaffee leisten zu können. Wie jeder andere auch. Sie träumt von einem Urlaub an der See. Der letzte ist zehn Jahr her. „Ich hatte einen Beruf, der mich glücklich machte. Das Leben ließ sich leicht gestalten.“ Damals.

Heute muss sich die Grevenerin in der Tafel mit Lebensmitteln versorgen, damit das Geld reicht. „Die Angst, gesehen zu werden, und die Scham begleiten mich dorthin.“ Aber das Tafel-Team sei verständnisvoll, habe immer ein offenes Ohr. Ingrid Koling nennt sie gar einen „Engel“. „Wenn es die nicht gäbe . . .“

Auch die Partnersuche gestaltet sich schwierig. „Es ist alles kompliziert. Wer will schon eine Hartz-IV-Bezieherin?“ Die nächste Träne kullert. „In was für einer verrückten Welt leben wir eigentlich?“

„Ich will arbeiten.“ Sagt sie. Offen oder versteckt geäußerte Drückeberger-Vorwürfe treffen sie hart. Bettina will. Neulich bot sich eine Chance. Selten genug. Probearbeiten bei einem Marktbeschicker. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit wieder ein Lichtblick. Doch auch daraus wurde nichts. Nervös wie sie war, unterlief ihr ein Rechenfehler. „Ich hatte immer die Angst im Nacken. Ich fühlte mich auch nicht ernst genommen.“ Chance vertan, also wieder nach Hause. Zurück in die Einsamkeit und die Traurigkeit. Und niemand da, der ihr beisteht. „Das zieht einen dann noch mehr runter.“

„Hartz IV - das ist die moderne Art zu sagen: Du bist hier nicht erwünscht“, sagt sie verbittert. „Sprüche wie ,Kopf hoch, das wird schon wieder´ helfen mir auch nicht weiter.“ Gut gemeint sei das. Aber eben wirkungslos. Ein Job - das wäre für sie der Schlüssel zu allem. Zu Glück und Ausgeglichenheit, zu einem Leben ohne Sorgen und Missmut. Und mit mehr Menschen um sie herum, die sie wieder Tine nennen. So wie damals. Als noch alles gut war.

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