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USC Münster

Annedore Richter beschäftigt die Gerichte

Uwe Peppenhorst

Münster - Dass Annedore Richter in den siebziger Jahren zu den herausragenden deutschen Volleyballerinnen gehörte, steht außer Frage. Dass der heute 62-jährigen Angreiferin, die 1972 bei den Olympischen Spielen in München zum deutschen Team gehörte und insgesamt 109 Länderspiele absolvierte, im Rahmen unserer Serie „50 Jahre USC Münster“ ein eigenes Kapitel gewidmet wird, hat freilich ganz andere Gründe. Ende der siebziger Jahre nämlich beschäftigte die Angreiferin die Gerichte. Und das kam so:

Im Jahr 1975 hatte Annedore Richter einen privaten Trip durch die USA unternommen. Zur Finanzierung der Reise trug auch ein viermonatiges Gastspiel in der Profi-Mannschaft der „Santa Barbara Spikers“ bei. Von Anfang Mai bis Ende August schmetterte und baggerte sie für dieses Team. „Reich bin ich durch dieses Engagement nicht geworden, ein paar Dollar aber habe ich schon verdient“, sagte sie nach ihrer Rückkehr. Was sie nicht ahnte - aus diesem Satz sollte ihr später ein Strick gedreht werden. Als sich die Spielerin nach einer längeren, examensbedingten Pause im Herbst 1977 entschloss, ihre Karriere beim USC wieder aufzunehmen, passierte zunächst gar nichts. Der Westdeutsche Volleyballverband stellte ihr einen Spielerpass aus, alles schien seinen normalen Gang zu gehen. Dann aber schritt der Internationale Volleyballverband (FIVB) ein. Er intervenierte beim Deutschen Volleyball-Verband (DVV) gegen die Spielberechtigung Richters und teilte mit, die Spielerin sei lebenslang gesperrt, dürfe somit an keinen Wettkampfspielen teilnehmen. Darüber hinaus seien alle Spiele, in denen sie eingesetzt worden war, für den USC als verloren zu werten und dem jeweiligen Gegner die Punkte zuzusprechen. Dass die Spielerin und der USC das zunächst aus der Tagespresse erfuhren, sei nur am Rande vermerkt. Das offizielle Schreiben des Deutschen Volleyball-Verbandes erreichte die Betroffenen am 20. April. Unterschrieben war es übrigens vom damaligen DVV-„Vize“ und heutigen USC-Präsidenten Matthias Fell.

Was folgte, war ein mehrmonatiger Rechtsstreit. Zunächst rief Annedore Richter das DVV-Sportgericht an. Ihr Antrag auf eine einstweilige Verfügung wurde allerdings abgelehnt, weil es „der Spruchkammer verwehrt ist, internationale Beschlüsse auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen“.

Das Landgericht Münster sollte dann im Zivilprozess eine definitive Entscheidung herbeiführen. Nachdem der DVV einen Vergleichsvorschlag abgelehnt hatte, in dem das Gericht ihm nahegelegt hatte, von einer vorläufigen Spielberechtigung Annedore Richters bis zur endgültigen Entscheidung auszugehen, kam es Anfang Februar zum Urteil. Und das bedeutete eine krachende „Ohrfeige“ für FIVB und DVV. Unter „rechtsstaatlichen Gesichtspunkten“ sei die lebenslange Sperre nicht haltbar. Zudem sei sie ein „grober Verstoß gegen vereinsrechtliche Normen, aber auch gegen zwingendes deutsches Recht“.

Übrigens: Meister wurden die USC-Damen im Jahr 1979 trotzdem nicht. Der DVV nämlich weigerte sich, die am 27. Januar und 17. Februar gegen den großen Westrivalen ohne Annedore Richter ausgetragenen (und verlorenen) Spiele neu anzusetzen. Immerhin aber gab es am Ende zwei Trostpflaster: Zunächst gewann der USC das letzte Meisterschaftsspiel der Saison gegen Schwerte mit 3:1, dann wurde auch das Pokalfinale gegen den „Intimfeind“ mit 3:0 gewonnen. Und Annedore Richter gehörte in beiden Begegnungen zu den besten Spielerinnen auf dem Platz.

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