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Annette Schavan: Die Querdenkerin

unserem Mitarbeiter Volker Resing

Berlin - Annette Schavan fährt meist nicht mit der U-Bahn. Ginge sie aber wenige Schritte von ihrem Ministerium in der Hannoverschen Straße in Berlin-Mitte in die Tiefe, sie würde ganz besondere Grüße ihrer früheren Wirkungsstätte empfangen. „Guten Morgen, Herr Lehrer“ prangt auf den Plakaten, die Baden-Württemberg in ganz Berlin kleben lässt. „Jetzt bewerben.“ Es herrscht Lehrermangel in Deutschland. Stuttgart lockt den Pädagogen-Nachwuchs mit guter Vergütung und einer schnellen Verbeamtung. Das kann die Hauptstadt nicht bieten. Berlins rot-roter Senat ist entsetzt, solch ein Konkurrenzkampf sei schädlich, meint der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

Annette Schavan fordert die Unternehmen auf, ihre besten Leute für ein paar Stunden in der Woche in die Schule zu schicken. Das täte auch den Schülern gut, wenn mal ein Ingenieur aus der Praxis den Physik-Unterricht übernähme. Das bringe „sinnvolle Impulse“, so die Ministerin und stellvertretende Vorsitzende der CDU. Die Lehrerverbände sind empört. Der Lehrerberuf mit der pädagogischen Ausbildung dürfe nicht abgewertet werden. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) nennt es eine „Bankrotterklärung der Bildungspolitik“. Ähnlich äußert sich der Deutsche Philologenverband. Von „Nonsens“ spricht die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. SPD-Generalsekretär Heil meint, der Vorschlag sei einer „närrischen Büttenrede entsprungen“.

Annette Schavan ist als Bundesbildungsministerin außen vor, sie kann sich mit Vorschlägen schmücken, ohne handeln zu müssen. Aber die Vergangenheit holt die promovierte Pädagogin ein. Von 1995 bis 2005 war sie in Baden-Württemberg Kultusministerin. Es sei die Folge ihrer falschen Politik, dass jetzt Lehrer fehlten. So lautet der Vorwurf von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. „Die 16 Kultusminister haben versagt.“

Wieder einmal wird Annette Schavan mit Kritik zugeschüttet. Diese Erfahrung musste sie in ihrer politischen Karriere schon häufiger machen. Nicht immer sind die Polemiken ganz bei der Sache. So auch diesmal nicht. Natürlich greifen überall im Land Schulen auf Fachleute aus der Wissenschaft und Wirtschaft zurück, um den Mangel an Lehrern zumindest kurzfristig aufzufangen. Das ist nicht neu: In den 70er Jahren gelangten viele Quereinsteiger an die Schulen. Sogar der Kritiker Kraus selbst beschäftigt als Schulleiter an seiner Schule Ingenieure, Informatiker und einen Arzt. Doch die recht knappe Äußerung Schavans war geeignet, ein Lamento über die Bildungspolitik anzustimmen. Für solche Grundsatzdebatten muss Annette Schavan immer wieder herhalten. Auch beim Kopftuchstreit an Schulen war die damalige Kultusministerin im Mittelpunkt des Konflikts.

Bundeskanzlerin Angela Merkel schätzt ihre Freundin und Beraterin Annette Schavan dafür, dass sie solche Debatten-Schlachten aushält. Wenige im Bundeskabinett genießen einen so direkten Zugang zur Regierungschefin wie die bekennende Katholikin. Annette Schavan ist trotz der immer wieder anschwellenden Kritik an ihr einer der Eckpfeiler in Merkels Machtarchitektur.

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