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Menschen lassen sich gerne verulken

Aprilscherz in der Krise?

Berlin - Der Aprilscherz als Ulk unter Freunden ist nach Expertenansicht vom Aussterben bedroht. „Für einen guten Scherz ist eine Face-to-Face-Situation erforderlich, damit der Schabernacktreibende sehen kann, wie dem anderem die Kinnlade runterfällt“, sagt der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder. Doch die Menschen kommunizierten häufig nicht mehr persönlich, sondern zum...

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Berlin - Der Aprilscherz als Ulk unter Freunden ist nach Expertenansicht vom Aussterben bedroht. „Für einen guten Scherz ist eine Face-to-Face-Situation erforderlich, damit der Schabernacktreibende sehen kann, wie dem anderem die Kinnlade runterfällt“, sagt der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder. Doch die Menschen kommunizierten häufig nicht mehr persönlich, sondern zum Beispiel digital miteinander. „Voraussetzung ist außerdem, dass mein Gegenüber dieses Brauchmuster kennt - das nimmt aber ab“, erklärte der Professor an der Universität Regensburg. Entsprechend seien Menschen zunehmend ungeübt darin, einen guten Scherz zu machen. Viele trauten sich zudem nicht mehr, andere in den April zu schicken, sagt Hirschfelder. Einerseits könne man nicht mehr wissen, ob der Humor vom anderen überhaupt verstanden werde. „Auch die Arbeitswelt ist heute hart und schnell - da kann man nicht mehr sicher sein, dass der Ulk gut ankommt“, meinte der Experte. Auch die geforderte politische Korrektheit habe das Witzemachen nicht einfacher gemacht. Andererseits werde Humor in unserer Gesellschaft zunehmend an Gagmacher in den Medien ausgelagert. Anstatt selbst Schabernack zu treiben, konsumierten die Menschen eher das professionell aufbereitete Humorangebot von Comedians, Satirikern oder Showmastern, erklärte der Kulturwissenschaftler. Viele hätten das Gefühl, mit diesem Humor-Niveau nicht mithalten zu können, sich mit einem eigenen Gewitzel sogar lächerlich zu machen. Ihn selbst habe schon lange niemand mehr in den April geschickt. Den Scherz findet Hirschfelder aber allein aus volkskundlicher Sicht wichtig: „Wir brauchen den Scherz, um die Grenzen des guten Geschmacks auszuloten.“ Kulturwissenschaftler Hirschfelder nutzt daher den 1. April, um die "Scherz-Schmerzgrenze" bei seinem Mitmenschen zu testen. „Der Gradmesser für lustig oder nicht lustig ist das Bedrohungspotenzial“, erklärt er. Je ferner die Bedrohung wirke, desto größer sei auch die Verträglichkeit. Aber auch deshalb sei der Witz in der Krise: Denn die Menschen fühlten sich permanent von Krankheiten, Lebensmittelskandalen oder Kriegen bedroht. So sei auch die Atomkatastrophe in Japan „einfach zu heavy für den Witz“, findet Hirschberger.

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