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Chilibulo

Armut macht die Zähne krank

Klaus Baumeister

Münster. Die Münsteranerin Ilonka Forwick kann sich noch gut erinnern, als sie in den 80er Jahren zum ersten Mal Chilibulo besuchte. Eine Ordensfrau nahm sie, die wohlsituierte Lehrerin an der Deutschen Schule in Quito (Ecuador), mit an diesen unwirtlichen Ort. „Plötzlich stand ich am Rand einer riesigen, stinkenden Mülldeponie in 3000 Metern Höhe in den Anden“, berichtet die inzwischen pensionierte Lehrerin vom Annette-Gymnasium.

„Im Minutentakt wurden übel riechende, unsortierte und teilweise hochgiftige Abfälle der Millionenstadt auf offenen Lastwagen entsorgt.“ All das schlug der Deutschen sicherlich auf den Magen, etwas anderes indes trieb ihr die Tränen in die Augen: Kinder rannten hinter den Müllfahrzeugen her, um Lebensmittelreste zu ergattern. Teilweise stritten sie sich sogar mit abgemagerten Hunden, die ebenfalls auf der Suche nach Essbarem waren.

Wenn Ilonka Forwick heute an diesen Moment zurückdenkt, schämt sie sich ihrer Gefühle nicht: „Ich habe geweint, weil mein Bild von der Würde des Menschen in Augenblicken zerbrochen ist.“

Heute ist Chilibulo nicht mehr der Name einer Müllkippe, denn sie wurde geschlossen. Chilibulo wurde vielmehr zum Inbegriff der Hoffnung, weil es gelungen ist, mit Hilfe spanischer Ordensfrauen und großzügiger Spenden aus dem Ausland – unter anderem vom Annette-Gymnasium – ein Kinderheim aufzubauen. Der Name: „Centro Infantil Chilibulo“.

Wie sehr das Annette-Gymnasium inzwischen mit dem von Ilonka Forwick gegründeten Verein „Kinderhilfswerk Chilibulo“ verwachsen ist, zeigt sich auf der Homepage der Schule. Dort bittet Schulleiter Dr. Arnold Hermans Eltern, Schüler, Ehemalige, Freunde und Förderer um Spenden für die WN-Spendenaktion. Auch das Weihnachtskonzert am 13. Dezember wird im Zeichen des Chilibulo-Projektes stehen.

Dass die Kinder von Chilibulo Hilfe benötigen, wird der Zahnärztin Martha Yanez immer wieder klar, wenn die kleinen Patienten aus dem Armenviertel Platz nehmen auf ihrem primitiven Behandlungsstuhl. Viele Kinder bekommen bis zum ihrem dritten oder vierten Lebensjahr nur Getränke verabreicht. „Sie haben nicht richtig gelernt, zu kauen und zu schlucken. Die kleinen Zähne verfaulen im Kiefer“, berichtet Ilonka Forwick von vielen Gesprächen mit der Ärztin.

Die Kinderstation ist Anlaufpunkt für rund 300 Jungen und Mädchen aus dem Stadtteil. Hier erhalten sie zumindest eine warme Mahlzeit am Tag und werden regelmäßig medizinisch untersucht. Überdies erhalten sie einen „Grundkurs Hygiene“, weil die Kinder nach Wochen und Monaten des Lebens auf der Straße oft jedes Gefühl für Körperpflege verloren haben. Das Kinderheim wurde in Eigenarbeit auf einem Grundstück errichtet, das der Kirche gehört. Auch wenn alle Kosten niedrig gehalten werden, so ist die Einrichtung auf Spenden angewiesen.

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