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Steinhaus Kabul

Ärzte verhindern Amputation

Martin Kalitschke

Münster. Kurz vor der rettenden Operation wird es plötzlich lebensgefährlich. Shikebas Körpertemperatur steigt über 41 Grad, als sie am 7. Dezember 2005 mit einem Rettungswagen in ein Gelsenkirchener Krankenhaus gebracht wird. Doch sie übersteht die Fahrt – und kann umgehend operiert werden.

Wenige Wochen zuvor hatte Andreas Timmler vom Verein „Kinder brauchen uns“, der zusammen mit der Trinitatis-Gemeinde in Münster das „Steinhaus Kabul“ unterstützt, Shikeba erstmalig getroffen. In einem Krankenhaus in Kabul, in das sie nach einem schweren Autounfall eingeliefert worden war. Doch die Ärzte waren mit dem Mädchen überfordert. „Ihr Bein war schwer infiziert, eine Amputation schien nicht mehr abwendbar“, erinnert sich Timmler.

Der Verein „Kinder brauchen uns“ beantragte für das Mädchen ein Visum, organisierte seine Verlegung nach Deutschland. Mehrere Operationen folgten, danach kümmerte sich eine Familie in Mülheim um das damals etwa zehnjährige Mädchen. „Wir konnten das Alter nur schätzen“, sagt Timmler; in Afghanistan werden Geburtstage weder schriftlich festgehalten noch gefeiert. Am 16. März 2007 kehrte Shikeba schließlich wieder in ihre alte Heimat zurück. Gesund – und glücklich.

„Das Wiedersehen mit der Familie verlief sehr emotional“, berichtet Timmler. „Die Mutter konnte es fast nicht glauben, dass Shikebas Bein nicht amputiert werden musste.“ Nach nur einer Woche hieß es bereits wieder Abschied nehmen – Shikeba zog ins Steinhaus Kabul, wo sie heute noch lebt. „Die Eltern hatten nicht einen Moment gezögert zuzustimmen“, betont Timmler.

Im Steinhaus wohnt sie mit derzeit 35 Kindern zusammen. Sie erhalten drei Mal am Tag eine Mahlzeit, haben zahlreiche Freizeitmöglichkeiten. Sie können Tischtennisspielen, Bücher, auch auf Deutsch, lesen. „Shikeba spricht perfekt Deutsch“, erzählt Timmler. „Sie ist ein sehr intelligentes Mädchen.“ Damit ihr Deutsch auch weiterhin perfekt bleibt, hat sie in ihrer Kabuler Mädchenschule Deutsch als erste Fremdsprache gewählt.

Sie wird, wie die anderen Kinder auch, zur Schule gebracht und abgeholt. Nachmittags im Steinhaus kümmern sich zwei Lehrer darum, dass die Kinder ihre Hausaufgaben schaffen.

Das sind Perspektiven, die sie außerhalb des Steinhauses wohl nie gehabt hätte: „Ihre Eltern wohnen in einem Randbezirk, in dem die Taliban das Sagen haben“, berichtet Timmler. Das heißt: Als Mädchen hätte sie hier niemals eine Schule besuchen dürfen.

Doch es ist, zum Glück, anders gekommen. Noch weiß Shikeba, die nun geschätzte zwölf Jahre alt ist, nicht, was sie später einmal werden will. „Aber sie hat alle Chancen“, ist Timmler überzeugt – vorausgesetzt, dass das Steinhaus seine Schützlinge auch weiterhin so intensiv umsorgen kann wie bisher.

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