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Atomgegnerin am Fahnenmast: Prozess gegen Umweltaktivistin vertagt

Münster/Gronau - Symbolisch an einem Fahnenmast abgeseilt hat sich am Montagmorgen die französische Umwelt- und Kletteraktivistin Cecile Lecomte vor dem Amtsgericht in Münster. Vor Gericht muss sie sich an diesem Montag wegen verbaler Nötigung eines Polizisten verantworten. Der Ordnungshüter hatte Cecile Lecomte, die sich im April 2009 von einer Autobahnbrücke über der...

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Münster / Gronau - Weil sie in der Nacht auf den 28. April 2009 einen Polizisten „verbal genötigt“ haben soll, stand gestern die französische Umweltaktivistin Cécile Lecomte vor dem münsterschen Amtsgericht. Die heute 28-Jährige hatte sich damals über der Bahnstrecke Münster - Gronau in etwa fünf Metern Höhe von der Autobahnbrücke der A 1 abgeseilt. Die Polizei hielt daraufhin einen Atommülltransport, der von der Urananreicherungsanlage Gronau Richtung Südfrankreich unterwegs war, für etwa eineinhalb Stunden an.

Von der Anklage, sie habe mit ihrer Aktion den Zugführer genötigt, wurde Lecomte im Juni vor dem Steinfurter Amtsgericht freigesprochen. Der Vorwurf gestern: Die junge Frau soll einem Polizisten, der versuchte, ihre Aktion zu beenden, gedroht haben: „Wenn er mich hochzieht, klinke ich mich aus.“ Um zu klären, ob ihr - als gebürtiger Französin - der Begriff „ausklinken“ überhaupt geläufig gewesen sei, hatte sich Lecomte gestern einen Zeugen vorladen lassen. Dieser kam letztlich nicht mehr zu Wort.

Zeugen, die Auskunft geben sollten, ob ein Kletterseil reißen kann, wenn es von einem Polizisten manuell über eine Autobahnbrücke gezogen wird, wurden von vornherein vom Gericht ausgeschlossen. „Dafür brauchen wir gerichtlich bestellte Sachverständige“, sagte die Vorsitzende Richterin der Angeklagten, die sich selbst verteidigte.

Die junge Frau hatte bereits die Stunde vor Prozessbeginn genutzt, um sich gemeinsam mit einer anderen Aktivistin vor dem Gerichtsgebäude an einem Fahnenmast anzuseilen. Mit Transparenten und via Interview tat Lecomte noch einmal ihren Anti-Atomkraft-Standpunkt kund. In sehr gutem Deutsch schilderte die Wahl-Lüneburgerin, die in Aktivisten-Kreisen den Spitznamen Eichhörnchen trägt, den Umstehenden noch einmal den Tathergang aus ihrer Sicht.

Sie könne dem Polizisten gar nicht mit jenen ihr vorgeworfenen Worten gedroht haben, weil sie ihr gar nicht geläufig gewesen seien, sagte die 28-Jährige. Sie fühle sich von der deutschen Justiz „kriminalisiert“, sei aber zu einer rechtlichen Auseinandersetzung bereit, wenn „es eine Aktion wie diese wert“ sei. Daher habe sie sich auf den heutigen Verhandlungstag gut vorbereitet - und werde es dem Gericht nicht leicht machen.Und tatsächlich kamen Richterin und Beisitzerin während der Verhandlung so gut wie gar nicht zu Wort. Lecomte legte ausführlich ihren politischen Standpunkt dar, gab preis, sie habe das Klettern bereits mit sieben Jahren begonnen und sei einst Frankreich-Meisterin in der Disziplin gewesen.

„Wenn ich auf einen Baum klettern möchte, hat kein Polizist mir zu sagen, ich möge wieder heruntersteigen“, sagte die Hartz-IV-Empfängerin mit teils sich überschlagender Stimme. Ihren Tisch an der Anklagebank hatte sie mit diversen Plüschtieren, Schokolade und juristischen Fachbüchern bedeckt und die Atomkraftgegner im Publikum von Anfang an auf ihrer Seite - dergestalt, dass die Richterin die Zuschauer mehrfach zur Ruhe anhalten musste.

„Wir sind hier nicht bei Barbara Salesch oder in einer Witzveranstaltung“, wandte sie sich an die Männer und Frauen, die lachten, grölten, teils dazwischenriefen und der Angeklagten sogar Zettelchen reichten.

Ein Stunde nach Prozessbeginn reichte Lecomte schließlich einen Befangenheitsantrag gegen die Richterin ein, weil diese ihrer Meinung nach nicht unvoreingenommen sei. Daraufhin wurde der Prozess vertagt.

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