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Atommüll: Zwischengelagert und später vergraben für die Ewigkeit

Martin Ellerich

Salzgitter - Das Gitter rasselt vor den Korb. Ein Ruckeln, dann bricht in der Kabine ein Sturm los. „Das ist nur die Frischluft für das Bergwerk“, beruhigt Bernd Weyer. Die Luft für die Kumpel muss mit hinab durch Schacht I. Sekunden später lässt der Wind nach, aber es geht weiter abwärts, immer weiter abwärts - mit bis zu zehn Metern pro Sekunde. „Schlucken Sie, wenn der Druck zu stark wird“, sagt der gelernte Elektrosteiger. 30 Sekunden geht´s abwärts, eine Minute, eineinhalb. Nach zwei Minuten endlich hält der Korb - 1000 Meter unter der Erde auf Schacht Konrad. Weit unten, wo das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auf ewig das vergraben will, was von den deutschen Kernkraftwerken übrig bleibt: Atommüll.

Oben eine Uhr, unten Schienen - wie auf einem U-Bahnhof. Doch hier ist Endstation - Endstation für Atommüll, auch solchen aus dem Zwischenlager Ahaus. 303 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle will das BfS ab 2014 einlagern, wo einst Kumpel Erz schürften - vom Erzlager zum Endlager.

Aus Sicht der Bergleute war Schacht Konrad eher ein Misserfolg: Erz sei nur zwischen 1965 und 1976 gefördert worden, sagt Arthur Junkert. Und dieses „Magererz“ habe nur 30 Prozent Eisengehalt gehabt - nicht genug, um wirtschaftlich abgebaut zu werden. Aus Junkerts Sicht ist das ein Vorteil: Wortreich schildert der BfS-Mann die Vorzüge, die Konrad als Endlager habe: vor allem die bis zu 400 Meter dicke Tonschicht. Durch sie ist die eisenerzhaltige Gesteinsschicht, in der die strahlenden Abfälle verschwinden sollen, abgeschirmt von der Oberfläche - und vom Wasser.

Im einige Kilometer entfernten Salzstock Asse brechen jeden Tag zwölf Kubikmeter Wasser ein, Salzlauge trifft dort auf Fässer mit Atommüll. „Der Schacht Konrad ist dagegen außergewöhnlich trocken“, hebt Junkert hervor. Die Luftfeuchtigkeit liege bei 30 bis 32 Prozent. „Draußen dürften es derzeit 60 bis 70 Prozent sein“, sagt er und erinnert an den Wintermorgen.

Der Fahrtwind hier unten ist warm und trocken wie im Hochsommer. Bernd Weyer steuert den Kleinlastwagen durch das Tunnelsystem. Eines von 65 Dieselfahrzeugen, die durch das Labyrinth kurven. Vierzig Kilometer Tunnel durchziehen den Untergrund auf mehreren Etagen - „Sohlen“ sagen Bergleute wie Weyer dazu. Die Lampen fliegen nur so vorbei. Rechts herum. Der Motor heult auf, es geht eine lange Rampe hinauf und schließlich um eine zweite Ecke. „Wir sind auf 850 Meter, 2. Sohle“, sagt Weyer.

Hier unten wird in den nächsten Jahren eifrig gegraben werden. Die Bergleute werden im Feld 5.1 sechs Tunnel - sie sagen „Strecken“ - ins Gestein treiben: „Sieben Meter breit, sechs Meter hoch und 400 bis 800 Meter lang“, erklärt Junkert. So groß werden die Einlagerungskammern für den Atommüll. Zwischen den Kammern bleiben je 28 Meter Gestein stehen. „Wir werden alle Hohlräume neu aus unberührtem Gebirge schaffen“, betont er. „Wir erreichen so eine sehr hohe Festigkeit.“

Junkert kennt auch anderes. Früher hat er in der Asse gearbeitet. Dort waren die Atommüllfässer seit den 60er Jahren in die beim Salzabbau zurückgebliebenen Hohlräume von 60 Metern Länge, 40 Metern Breite und 14 Metern Höhe geschüttet worden. „Durchlöchert wie ein Schweizer Käse“, sagen BfS-Offizielle über den alten Salzstock. Das BfS hat die Verantwortung in der Asse erst 2009 übernommen, als die Probleme in der Anlage bekannt wurden. Die Asse gilt als einsturzgefährdet. Das BfS prüft, wie die 126 000 Atommüllfässer herausgeholt und an einem anderen, sichereren Ort - etwa im Schacht Konrad - gelagert werden können, „wenn der Berg uns die Zeit lässt“, sagt Junkert. Ob die Asse noch zehn Jahre hält, zwanzig Jahre oder nur drei, weiß niemand.

Solche Probleme gebe am Schacht Konrad nicht. Er soll 300 000 Jahre dicht halten - mindestens. So lange dauere es nach den Berechnungen der Geologen „im ungünstigsten Fall“ bis doch Wasser und damit Spuren des eingelagerten Atommülls an die Oberfläche gelangen könnten. Und selbst dann wären die Auswirkungen so gering, dass keine nachteiligen Auswirkungen für Mensch und Umwelt zu befürchten seien, versichert Junkert. Umweltschützer wenden dagegen ein, dass sich die Natur nicht immer an Modellrechnungen hält.

2014 soll das Endlager fertig sein. 17 Behälter mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen sollen später pro Schicht hinabgleiten. Zug um Zug werden die Container unten einbetoniert. Insgesamt 280 000, maximal 303 000 Kubikmeter. Die strahlenden Überreste einiger Jahrzehnte Energieerzeugung. Vergraben für eine Ewigkeit.

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