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Aus den Realitäten gerutscht

Gian-P. Andreas

Seit der „Inland Empire“-Premiere auf dem Filmfestival Venedig schimpfen die Spötter mal wieder: David Lynch sei als Postmoderner passé, ein Kult-Vehikel, dessen Werke zwar ergebene Anhänger in verstiegenen Internet-Foren exegetisch zu ergründen suchten, der sich aber nur noch selbst kopiere.

„Inland Empire“ bestätigt all das mit Verve und im Überfluss von drei Stunden. Und er macht höllischen Spaß dabei. Denn mit Digital-Handkamera und ohne fixes Drehbuch hat Lynch einen reinrassigen Experimentalfilm gedreht, in dem er das Kunststück schafft, Selbstparodie mit Schaffensbilanz gleichzusetzen. Seit seinem Debüt „Eraserhead“ war Lynch nie weiter weg vom Erzähl-Kino, und er jongliert nach allen Regeln seines Repertoires mit den bewährten Symbolismen vom verborgenen Zimmer bis zur hexenhaften Alten.

Geblieben ist die zentrale „Frau in Schwierigkeiten“. Eine großartige Laura Dern, zuletzt als Lula in „Wild at Heart“ Lynchs Muse, gleitet von immer neuen Realitäts- in immer neue Traumebenen durch ein vielfach gestörtes und verstörendes Szenario. Zweieinhalb Jahre drehte Lynch zwischen Lodz und Los Angeles, den Plot-Aufhänger entwickelte er zuletzt.

Da gerät Schauspielerin Nikki an den Set eines Films, der schon einmal gedreht wurde. Die Mimen damals wurden ermordet; die Geschichte scheint sich zu wiederholen, zumal ihr Filmpartner die Eifersucht ihres reichen Ehemanns erweckt.

Man sollte sich treiben lassen durchs „Inland Empire“: Wer die losen Handlungselemente um einen polnischen Zuhälter-Zirkus, menschliche Hasen (aus Lynchs Internet-Seifenoper „Rabbits“) und ein blutiges Schraubenzieher-Ende auf dem „Walk of Fame“ sinnvoll zu verknüpfen sucht, geht in Lynchs Traumlogik aus Hollywood- und Selbstzitaten schnell verschütt: Aus Nikki wird Sue wird Nikki/Sue und, natürlich, umgekehrt.

Eins ist klar nach diesem Drei-Stunden-Trip: Mit „Inland Empire“ ist David Lynch so nah an die bildende Kunst heran- oder zurückgerückt wie es sonst momentan nur das Kino von Matthew Barney tut. Und man gewinnt die beglückende Ahnung, dass der Film für Lynch nur der Anfang einer neuen, strukturell freien Schaffensperiode sein könnte. Herausragend.

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