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Barfuß durch Asturien: Tina macht Urlaub

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Frühling an der Costa Blanca. Ein Jahr lebte ich nun in Südspanien und beschloss, meine Urlaubswoche mal im Grünen zu verbringen. Mit dem Bus von Alicante über Madrid fuhr ich zu einer mir bis dato unbekannten Stadt namens Ribadesella in der Provinz Asturien. Mit 6300 Einwohnern ein kleines Fischerstädtchen, das von den hohen Bergen wie ein Mantel vor dem Lärm der Außenwelt geschützt wird.

Dort angekommen, überkam mich das Bedürfnis, diese Stadt zu riechen, zu schmecken und so machte ich mich nach einer frischen Dusche auf den Weg ins Dorf, hinunter zum Hafen und schlenderte mit strahlenden Augen die Promenade entlang, vorbei an romantischen Straßencafés in die jahrhundertealte Altstadt, die mittlerweile mit fröhlich französisch plappernden Touristen gefüllt war und ich beschloss, ein kleines Bier in einer Bar zu trinken, aus der asturianische Musik erklang. Gerade hatte ich mich auf den Barhocker gesetzt, als die Tür aufflog und ein pfeifender Lockenkopf an mir vorbei auf einen Hocker hinter dem Tresen hüpfte, mir ein warmes, breites Lächeln schenkte und tippte: „Una caña?“ (Frisch gezapftes Bier) Ich nickte zustimmend und wurde gleich von meinem fröhlichen Gegenüber zugeplappert. Als ich mein Bier ausgetrunken hatte, legte er den Kopf in den Nacken und fragte: „Was würdest du davon halten, wenn ich dir morgen ein wenig die Gegend zeige?“ Viel!

Also holte er mich am nächsten Morgen mit seinem Mazda 323 ab, geschätztes Baujahr 1985. „Auf in die Berge?“ Skeptisch schaute ich auf die Inneneinrichtung des Wagens beziehungsweise was davon übriggeblieben war. „Du bist sicher, dass wir dort ankommen?“ Als Antwort zog er glucksend seine Gummi-Flip Flops von den Füßen, warf sie nach hinten, wo sie sanft auf dem Teil des Wagens landeten, das vorher schätzungsweise eine Rückbank bildete und mit ungelogenen 100 Stundenkilometer bretterten wir los. Hinter uns das in der Sonne funkelnde kantabrische Meer, vor uns der Nationalpark „Picos de Europa“, neben uns der Fluss „Rio Sella“, der dort entspringt und in Ribadesella mündet (daher auch der Name der Stadt).

An einem Restaurant hielten wir. „Das ist eine Sidreria“, erklärte mir Borja, „hier wird Sidra ausgeschenkt und traditionelle asturianische Küche gekostet.“ Wir setzten uns an einen schweren Holztisch in den Restaurantgarten, der eher eine riesige Wiese war, und Borja bestellte, worauf der Kellner mit Brot, einer grünlichen Flasche und nur einem Trinkglas zurückkam. „Das ist Sidra, ein spezielles Getränk Asturiens - ein vergorener Apfelsaft mit etwa fünf Prozent Alkoholgehalt. Man trinkt es aus dem gleichen Glas“, erklärte er mir. Beim Einschenken, so zeigte es mir Borja, wird die Flasche hoch über den Kopf gehalten und die Flüssigkeit in ein Glas in Hüfthöhe gegossen. Mit erstaunlicher Treffsicherheit landete der Sidra in unserem Glas, an dem ich nun neugierig schnupperte und wie vorgeschrieben dessen Inhalt leerte, bevor ich es an Borja weiterreichte und glücklich den französischen Kindern zuschaute, die gerade aufgeregt schnatternd die Bäume hochkletterten.

Nach der Stärkung zeigte Borja mir die Romanische Brücke im Tal „Cangas de Onis“ und wir setzten uns auf einen Stein an dem plätschernden Fluss, an dem gerade eine Mutprobe einer jugendlichen Gruppe stattfand. Als wir nach einer Stunde seligen Schweigens wieder aufbrachen, war das Mädchen, das den Anfang machen sollte, jedoch noch immer nicht gesprungen.

Eine halbe Stunde Autofahrt später wanderten wir an der Costa Verde entlang, also: Er stolzierte gut gelaunt und wie immer barfuß schnurstracks über die Weide, während ich den Weg hüpfend hinter mich brachte und am Ende fröhlich war, dass ich dank meiner 20-jährigen Ausbildung in Gemmerich in keinen der ausladenden 20 000 Misthaufen gelandet war. Unter uns klatschten die Wellen gegen die Klippen und ich entdeckte einen kleinen Strandabschnitt. Wir ließen uns hinunterpurzeln, ich erhaschte einen freien Winkel, und ließ mich auf mein hippes asturianisches Handtuch mit Kuhmotiv fallen, das ich zuvor voller Stolz im Ort erstanden hatte und als ich leise Glockengeräusche vernahm und die Augen öffnete, entdeckte ich den Kopf einer Milchkuh, die fröhlich schmatzend auf der Weide über uns stand und verklärt auf den Horizont schaute. Da kommt Heimweh auf. Tina Stache

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