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80 Jahre Lengerich - Artikel - Content

Bauernprotest und Pferdeverkauf

Michael Baar

Lengerich - „Nun ist das neue Blatt da“ heißt es ganz nüchtern unter der Überschrift „Unser Dank“. Es ist der 29. November 1930 und das „neue Blatt“ ist der „Tecklenburger Landbote“, die erste Ausgabe. Die Dankesbotschaft, unterzeichnet mit „Schriftleitung“, hebt die Jungbauern heraus. Sie haben wohl maßgeblich dazu beigetragen, die damals vierte Zeitung in Lengerich ins Leben zu rufen.

Der erste „Landbote“ ist räumlich der heutigen Redaktion sehr nahe. Rund 50 Stufen tiefer und wenige Schritte um die Ecke des Alten Rathauses liegt er wohl verwahrt im Archiv der Stadt. Wolfgang Berghoff hat sich gestern - nach Lektüre der Jubiläumsbeilage „80 Jahre Tecklenburger Landbote“ - auf die Spur der Geburtsstunde begeben. Nicht in den Gängen zwischen den Aktenregalen. Per Microfish, von seinem Büro aus. Dieses Gerät liest in Mikro-Schrift auf Folie gebrachte Informationen.

„Der Ruf des Tages“ ergeht mit der ersten Ausgabe. So die pathetische Überschrift des einzigen Artikels auf der Titelseite. Gezeichnet hat „Z.“. Wer das ist? Archivar Wolfgang Berghoff zuckt mit den Schultern. Aufklärung könnte das Impressum geben. Doch das gibt es damals nicht. Lediglich die Hinweise „Redaktionsschluss 11 Uhr, Anzeigenschluss 9 Uhr“.

In der ersten Ausgabe des „Landboten“ fällt auf der zweiten Seite die Rubrik „Die Bauern protestieren“ ins Auge. Kurz gesagt geht es um die Getreidepreise und das Gefühl der Landwirte, dass ihre existenziellen Interessen von ihren Verbandsvertretern nicht wahrgenommen werden.

Der damaligen Zeit geschuldet scheint aus heutiger Sicht die Rubrik „Polenterror“, in der über Streitigkeiten im schlesisch-polnischen Grenzgebiet berichtet wird. „Nichts Ungewöhnliches“ sieht darin Wolfgang Berghoff, „bei polnischen Zeitungen hat es das in gleicher Form gegeben.“ Auf der selben Seite steht die Meldung „Do X startet nach Cadiz“. „Eine spanische Enklave in Afrika“, klärt der Geschichts-Experte über das Ziel des damals größten Flugbootes der Welt auf. „Flugboot“? So wurden damals Wasserflugzeuge für Passagiere genannt.

„Praktische Weihnachtsgeschenke“ preist auf der gegenüberliegenden Seite Karl Schmidt an. Ein Blick ins Detail: Das unterscheidet sich nicht sehr von den SOS-Geschenken (Schlips, Oberhemd, Socken) der Gegenwart. Einen Herren-Anzug, „solide Ware und gute Schneiderarbeit“ gibt es für 35 bis 49 Reichsmark. Damenhandschuhe scheinen ebenfalls eine beliebte Gabe zu sein. Die gibt´s - „reine Wolle“ - zu Preisen zwischen 1,55 und 1,95 Reichsmark.

Im Kleinanzeigenmarkt wird unter anderem ein „gut dressierter junger Schäferhund zu kaufen gesucht“. Wer einen solchen Vierbeiner hat, soll sich in der Geschäftsstelle des „Landboten“ melden. E. Behrmann hat ein „zuverlässiges älteres Pferd“ abzugeben und in Hohne ist eine „Heuerstelle“ zu verpachten. Gesucht wird zudem ein „möbliertes Zimmer“, sofort. Wer es so eilig hat: Die potenziellen Vermieter erfahren es in der „Landboten“-Geschäftsstelle.

Unverzichtbar ist vor 80 Jahren der Abdruck eines Romans in der Tageszeitung. Am 29. November 1930 sind die ersten Absätze der „Frau im Mond“ zu lesen. Das Rundfunk-Programm wird detailliert abgedruckt (bis 6. Dezember) und auf der Seite „Aus aller Welt“ wirbt die neue Zeitung um Abonnenten. „Bestellt den Landboten“ ist dort fett eingerückt worden.

Aus dem Tecklenburger Land finden sich nur Meldungen. In Tecklenburg, so ist nachzulesen, geht das neue Ehrenmal seiner Vollendung entgegen. Die Gründung eines Jagdvereins in Ladbergen ist in der dazu anberaumten Versammlung noch nicht geglückt. Fortsetzung folgt. Üppig bestückt ist die neue Zeitung in Lengerich mit kurzen Meldungen aus Westerkappeln und Lotte.

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