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Forsch und öffentlichkeitswirksam neue Ämter angehen: Dass er über diese für einen Politiker überaus nützliche Qualifikation verfügt, hat zu Guttenberg als Überraschungs-Wirtschaftsminister eindrucksvoll bewiesen. Wie lang sein Atem reicht, musste er nicht unter Beweis stellen. Er wechselte ebenso unerwartet ins Verteidigungsressort - und legte wiederum einen zumindest beachtenswerten Start hin. Ohne Umschweife packte er das für die Bundeswehr heikelste Thema an, als er eine politische Afghanistan-Offensive als Klartext-Minister einleitete.

Erst ging er in der Lagebeschreibung so weit, wie es die drohende Verhedderung ins Völkerrecht gerade noch zuließ: „kriegsähnhliche Zustände“. Damit sprach er den Soldaten aus der Seele: notwendige Truppen-Psychologie.

Klare Afghanistan-Worte erst intern, gestern dann mit externer Ausstrahlung. Deutlich wie öffentlich bislang kein deutsches Regierungsmitglied knöpfte er sich Präsident Karsai vor. Von Korruption bis Vetternwirtschaft: Karsai habe in Vorlage zu gehen, wenn er weiter auf die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft setzen wolle. Solche Äußerungen zielen nicht zuletzt darauf, in Deutschland den Schwund an Zustimmung zum Afghanistan-Engagement abzubremsen.

Nur: Ist Karsai damit wirklich zu beeindrucken? Man denke nur kurz zurück an die ungenierten Betrügereien bei der Präsidentschaftswahl. Wie der Präsident tickt, hat er gerade erst in einem Interview deutlich gemacht: Die Lage in Afghanistan sei schon lange katastrophal gewesen - längst, bevor nach dem 11. September die Jagd auf Terroristen begann. Und nur deshalb sei das ausländische Militär da.

Guttenberg-Klartext: Auch gegenüber den Verbündeten erforderlich. US-Oberkommandierender McChrystal hat den Wirbel um den vom deutschen Oberst zu verantwortenden Luftschlag und den Regierungsübergang in Berlin geschickt zur Stimmungsmache ausgenutzt. Just jetzt zog er knallhart US-Anti-Taliban-Aktionen im „deutschen“ Norden Afghanistans durch. Mit aller Macht will er Berlin zur Truppenaufstockung drängen. Dabei ist selbst die US-Administration hin- und hergerissen, ob dies die richtige Strategie ist.

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