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Bei den Akten-Trocknern: Kölner Stadtarchiv-Dokumente in Münster

Elmar Ries

Münster - Tiefgefroren und verpackt in gewöhnlichen Gitterboxen sind gestern die ersten beschädigten Dokumente aus dem Kölner Stadtarchiv in Münster angekommen. Im Ar­chivamt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe werden die teilweise einige Hundert Jahre alten Archivalien in den kommenden Wochen gefriergetrocknet und so in ei­nen Zustand versetzt, der ihre Restaurierung überhaupt erst möglich macht. „Dass wir hier in Münster den Kollegen in Köln helfen, ist doch selbstverständlich“, sagte das besonders betonend Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Thale.

Es wirkt der alten, teilweise äußerst wertvollen Dokumente fast schon unwürdig, wie sie da in Münster ankommen müssen. Auf einem Pkw-Anhänger liegen sie in zwei der Metallkisten. Eiskalt sind die kostbaren Bücher und uralten Akten, eilends eingewickelt in Cellophanpapier und so notdürftig geschützt. Unter normalen Umständen hätten sich die Archivare die Haare gerauft. 8,5 Tonnen umfasst die erste Lieferung. Sämtliche Un­ter­lagen sind in den vergangenen Tagen bei der Humana-Milchunion in Everswinkel tiefgefroren worden - „bei minus 30 Grad Celsius, damit die von Grundwasser und Regen völlig durchnässten Papiere nicht vom Schimmelpilz befallen werden“, sagt Dr. Marcus Stumpf, der Leiter des Ar­chivamtes.

Das verfügt im Keller neben einer großen Werkstatt über drei Gefriertrockner. Apparate sind das, so groß wie Kühlschränke. „Darin werden die Akten einem Vakuum ausgesetzt“, erklärt Werkstattleiter Reinhold Sand. Dadurch werde das Eis umgehend gasförmig und könne abgesaugt werden. Bis zu einer Woche kann dieser Prozess dauern, dann sind die Bücher trocken - und die Restauratoren können ihre Arbeit aufnehmen. Viele, viele Jahre wird es dauern, bis die Schäden am Archivgut beseitigt sind. „Sicherlich mehr als eine Generation von Mitarbeitern wird damit beschäftigt sein“, sagt Rüschoff-Thale.

Behutsam, fast ehrfürchtig hebt Reinhold Sand schließlich das erste Buch aus der Kiste, einen dicken Folianten, „womöglich 16. Jahrhundert“, sagt er leise. „Actus processus“, steht auf einem kleinen Zettel am Buchrücken. Vorsichtig dreht der Werkstattleiter den tiefgefrorenen Band von links nach rechts.„Als Archivar blutet einem bei so einem Anblick das Herz“, sagt Ar­chivleiter Stumpf, der daneben steht und fasziniert zuschaut. Aber er wisse zum Glück ja auch, sagt er dann, was die Restauratoren zu leisten imstande sind.

Natürlich sind die Experten in Münster nicht die einzigen, die in Köln helfen. Selbst aus Spanien haben Archivare ihre Hilfe angeboten. Wer die flinke Unterstützung auf dem kleinen Dienstweg letztlich zahlt - darüber hat sich derzeit noch niemand Gedanken gemacht. Das sei eben eine Nothilfe, sagt Rüschoff-Thale. Und die leiste der LWL gerne. „Hinzu kommt, dass in Köln natürlich auch Akten lagern, die für unsere Region von sehr großer Bedeutung sind.“ Westfalen helfen Rheinländern, so könnte man das natürlich auch sehen.

Einen Kubikmeter Papiere fasst einer der Gefriertrocker. Bis zu einer Woche kann so ein Trocknungsvorgang durchaus dauern. Der LWL hat als eine Art Zwischenlager Gefriertruhen herangeschafft, der große Rest lagert in Everswinkel.

Wie lange die Experten aus Münster den Kölnern werden helfen müssen? Da zuckt Marcus Stumpf nur die Schultern. „Inzwischen hat sich ja gottlob herausgestellt, dass bei dem Einsturz doch nicht so viele Dokumente nass geworden sind, wie anfangs befürchtet“, sagt er. Und guckt in dem Moment richtig glücklich.

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