1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. „Berlin '36“: Aber das ist doch keine Frau!

  6. >

Filmrezensionen

„Berlin '36“: Aber das ist doch keine Frau!

Gian-Philip Andreas

Weil die Amerikaner 1936 damit drohten, die Olympischen Spiele zu boykottieren, falls das NS-Regime keine jüdischen Sportler aufstellen würde, holten die Nazis die gefeierte Hochspringerin Gretel Bergmann aus dem englischen Exil heim ins Reich.

Um aber zu verhindern, dass die junge Jüdin Medaillen holt, stellte man ihr „arische“ Konkurrenz an die Seite. Was niemand wusste: Die brünett gelockte Marie Ketteler war ein Mann.

Nach den (bei der kürzlich in Berlin veranstalteten Leichtathletik-WM) mit schlecht verhohlenem Sexismus vorgebrachten Verdachtsäußerungen gegen die südafrikanische Läuferin Caster Semanya, sie sei eigentlich keine Frau, erscheint diese verbürgte Episode wie ein böser Witz - dabei verbirgt sich dahinter bitterer Ernst.

Umso tragischer, dass TV-Regisseur Kaspar Heidelbach ein so biederes, von keinerlei Zwischentönen angekränkeltes und mit seliger Schwarzweißmalerei ins Kitschfinale einlaufendes Dramolett daraus fabriziert hat.

Weder wird die Figur der von der eigenen Mutter in die Travestie gezwungenen „Marie“ in ihren Abgründen ausgelotet, noch vor sentimentalistischen Verfälschungen zurückgeschreckt: Dass Gretel und Marie zu Freunden wurden, ist pure Erfindung, die als tragisches Schicksal verkauft werden soll.

Schade um Karoline Herfurth (Gretel) und Sebastian Urzendowsky (Marie): zwei der talentiertesten Jungdarsteller Deutschlands auf verlorenem Posten.

Startseite