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Christian Wulff seit einem Jahr Bundespräsident

Bescheiden oder vorsichtig?

unserem Mitarbeiter Volker Resing

Berlin - Im Schloss Bellevue gibt es jetzt Latte macchiato. Den trinkt das 52-jährige Staatsoberhaupt gern. Christian Wulff ist seit fast einem Jahr Bundespräsident, die Aufregung um Wahl und Wahlkampf ist vorbei. In den Palast an der Spree ist ein Familienvater eingezogen, geschieden und wieder verheiratet mit einer jungen Frau.

Im Schlepptau eine Tochter aus erster Ehe, einen eigenen Sohn und einen Stiefsohn. Mit Christian Wulff hat das höchste Staatsamt etwas Zeitgeistiges angeheftet bekommen. Wir haben einen Patchwork-Präsidenten. Fast unglaublich, dass aus dem CDU-Vollblutpolitiker binnen zwölf Monaten ein freundlicher Bundesoberpapa geworden ist.

In drei Wochen beim Sommerfest des Bundespräsidenten im feinen Schlossgarten gibt es erstmalig in der Geschichte Kinderprogramm und Kinderbetreuung. Das ist der Wulff-Stil. Er ist normal! Zu normal? Das fragen sich einige in Berlin, die nun den Präsidenten doch ein wenig zu unauffällig finden.

Grüne und SPD, die mit Joachim Gauck Wulff in Bedrängnis gebracht haben, halten ihn nun für zu unpolitisch. Sie fragen: Wo ist Wulff in der Atomfrage? Wo setzt er neue Debatten in Gang? In dieser Woche hält der polnische Präsident Bronislaw Komorowski auf Einladung von Wulff die „Berliner Rede“. Dieser Auftritt galt mal als Höhepunkt im Präsidentenkalender. Roman Herzog hat dereinst mit seiner „Ruck-Rede“ für einen - zumindest medialen - Aufschlag gesorgt. Doch Wulff nimmt sich zurück. Souveräne Bescheidenheit oder vorsichtige Zurückhaltung?

Es war kein einfacher Start. Der plötzliche Wechsel als niedersächsischer Ministerpräsident ins neue Amt im Juni 2010, das Ringen mit dem populären Gegenkandidaten und schließlich die Wahl erst im dritten Wahlgang haben an ihm gezehrt. Dann kam noch eine kleine Affäre um den Urlaub in der Villa eines Unternehmerfreundes hinzu. Plötzlich wirkte der zuvor immer fröhliche Wulff doch recht niedergeschlagen. Aus diesem Loch hat er sich befreit.

„Der Islam gehört zu Deutschland.“ In Bremen hat Wulff zum 3. Oktober eine Rede gehalten, aus der ein einziger Satz eine tagelange politische Debatte ausgelöst hat. Inzwischen ist dieser Satz zum Synonym einer Haltung geworden, die sich gegen pauschale Islamfeindlichkeit  wendet und einem „weltoffenen Land“ das Wort redet.

Dass diese Positionierung gar nicht nur kuschelig ist, hat er zu spüren bekommen. In seinem Umfeld heißt es, keiner könne behaupten, Wulff hätte nicht den politischen Diskurs beherrscht. Zusammen mit dem Musiker Udo Lindenberg hat er die „Bunte Republik Deutschland“ ausgerufen. Das ist nach seinem Geschmack, das passt zum bunten Präsidenten. Inzwischen lacht er auch wieder. Im Herbst veranstaltet er, der erste katholische Präsident seit über 40 Jahren, für den Papst ein Gartenfest - Lockerheit statt feinem Protokoll am Flughafen. Auch das hat es noch nicht geben.

Christian Wulff ist ein Meister der politischen Bilder. Mit diesem Talent füllt er das Amt. Etwa als er seine Tochter mit nach Israel in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem genommen hat. Am nächsten Tag war in den Zeitungen das junge Gesicht neben dem obligatorischen Kranz zu sehen. Wie will man die Botschaft des „Nie vergessen“ besser transportieren? So unpolitisch ist Christian Wulff doch nicht geworden.

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