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Bischöfe rütteln am Zölibat

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Münster/Bamberg - Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick ist ein bedächtiger Mann und kein „Progressiver“. Deshalb überrascht er mit seinem Vorstoß, der Alternativen zum Gebot der Ehelosigkeit für Priester aufzeigt.

„Ich meine, Bischöfe, Ordensleute und Domkapitulare müssen es leben. Ob jeder Pfarrer den Zölibat leben muss, ist eine andere Frage“, sagte Schick dem „Spiegel“. Er empfahl in diesem Kontext, „ernsthaft“ darüber nachzudenken, die Priesterehe zu erlauben. In den vergangenen Wochen und im Zuge der Debatte um sexuelle Gewalt durch Kleriker hatte bereits der Hamburger Weihbischof und Ratzinger-Schüler Hans-Jochen Jaschke kundgetan, dass er sich durchaus verheiratete Priester vorstellen könnte.

Gründe, den Zölibat zu überdenken, gäbe es genug. Nicht nur Kirchen-Insider halten es allerdings für problematisch, ihn allein wegen der Fälle sexueller Gewalt in der Kirche über Bord zu werfen. Denn einen direkten Zusammenhang zwischen Pädophilie und eheloser Lebensform gibt es bekanntlich nicht. Wohl aber registrieren nicht nur die Bischöfe, dass die Vorschrift der Ehelosigkeit in der Vergangenheit offenbar zahlreiche unreife Kandidaten in die Priesterseminare gespült hat.

Im Hintergrund steht nun die Idee, etwa „viri probati“, also in Beruf und Familie bewährte Männer, zur Weihe zuzulassen. Auch die Überlegung, jene Priester, die wegen ihrer späteren Heirat aus dem Priesterstand ausgeschlossen wurden, neu für die Gemeinden zu gewinnen, hätte einiges für sich.

Über ein weiteres Thema wurde bislang in Klerikerkreisen weithin geschwiegen: Homosexualität scheint im Priesterstand signifikant verbreitet zu sein, und das nicht nur in Amerika. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 25 und 40 Prozent. Sie werden allerdings auch immer wieder angezweifelt. Unter den Leitern der Priesterseminare in Deutschland gilt die Regel, dass die homosexuelle Neigung allein kein Ausschlusskriterium vom Priesteramt bedeutet. Wohl aber wird diesen Kandidaten klargemacht, dass sie, wie Heterosexuelle auch, zölibatär, also enthaltsam, leben müssen. Nicht wenige Experten halten diese Trennung von Neigung und gelebter Praxis - zumal in Seminaren, die nur von jungen Männern bevölkert werden - für wirklichkeitsfremd. Viele fragen sich auch, ob Homosexuelle glaubwürdig kirchliche Leitbilder von Ehe und Familie vertreten können.

Die Krise des Zölibats, dies wird in den jüngsten Debatten deutlich, ist eine Krise des Klerus. Wäre die Kluft zwischen Anspruch und gelebter Wirklichkeit nicht derart groß, würden die Gläubigen vermutlich keinen Anstoß am Zölibat nehmen.

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