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Bitterer Beigeschmack

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Dass Christian Klar nach 26 Jahren Haft freikommt, ist eine juristisch korrekte Entscheidung. Bei einer lebenslangen Strafe vorzeitig entlassen zu werden, ist das Recht eines Verurteilten – und nicht etwa eine Gnade. Auch wenn es schwer verständlich ist, dass ein uneinsichtiger und offenbar nur wenig geläuterter Ex-Terrorist auf freien Fuß kommt – so funktioniert unser Rechtsstaat. Wem nachgewiesen werden kann, dass von ihm keine öffentliche Gefahr mehr ausgeht, kommt frei. Bei Klar eine Ausnahme zu machen, würde ihm eine Sonderrolle zuweisen, die ihm nicht gebührt. Ihn freizulassen, stellt ihn dorthin, wo er hingehört: in eine Reihe mit gewöhnlichen Straftätern.

Ein anderes Bild hätte sich ergeben, wenn Horst Köhler 2007 dem Gnadengesuch Klars zugestimmt hätte: In diesem Fall wäre es darauf angekommen, ob der Häftling Reue zeigt. Der Bundespräsident hat zurecht das Gnadengesuch abgelehnt, denn Klar hat bis heute kein Mitleid geäußert und macht aus seiner verqueren Weltsicht kein Geheimnis.

Alles ganz normal? Nein. Es verwundert, dass der Direktor eines der bedeutendsten Berliner Theater, Claus Peymann, Christian Klar medienwirksam einen Praktikumsplatz anbietet – der Resozialisation wegen, wie er sagt. Andere Entlassene werden sich verwundert die Augen reiben. Sie warten vergeblich auf einen Job – Klar dagegen wird der rote Teppich ausgerollt. Peymann weiß genau, dass er mit seinem prominenten Praktikanten einen moralisch zweifelhaften Marketing-Coup landet: Er umgibt sein Haus mit einem Hauch von Revolutionsromantik, bei dem ein bisschen Koketterie mit Pulverdampf nicht stört.

Genau das ist der bittere Beigeschmack: Da der Rummel um die Täter die Debatte um die RAF überlagert, spielt das Gedenken an die Opfer kaum eine Rolle. Dazu trägt bei, dass ein Teil der Öffentlichkeit immer noch denkt, die Täter seien idealistische Weltverbesserer, die sich nur in den Mitteln vergriffen hätten.

Erst wenn die ganze Wahrheit über die Attentate ans Licht kommt, wird der Fall „RAF“ zu den Akten gelegt – dass sie ans Licht kommt, dafür werden vor allen Dingen die Hinterbliebenen der Opfer sorgen. Sie werden das Urteil als rechtmäßig, nicht aber als gerecht empfinden. Ihr Leid geht – abseits der Theaterbühnen und Kino-Leinwände – weiter.

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