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Ein Video gibt's auf borio.tv Keine Königin gefunden

Borkener Schützenfest-Drama in drei Akten

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Borken - Die gute Nachricht: So ein Johanni-Schützenfest gab´s noch nie. Die schlechte Nachricht: So ein Johanni-Schützenfest gab´s noch nie. Das Vogelschießen am Montag, 29. August 2011: - ein Drama in drei Akten.

Erster Akt

Allgemeiner Frohsinn, Traditionspflege, Vorfreude. Wie jedes Jahr. Wie im Vorjahr heißt „auf der Heide“ eigentlich „im Zelt“ - wegen des Wetters. Halb Borken ist da. Direkt dahinter beginnt das Vogelschießen, drinnen werden Livebilder vom Kugelfang übertragen. Schießwillige Schützen stehen Schlange - ein gutes Zeichen. Einen neuen König wird´s also ganz gewiss geben.

Es geht auf ein Uhr mittags zu. Nur noch zwei Schützen wechseln sich inzwischen am Gewehr ab: Mathias Krämer (28), Brandmeister bei der Feuer- und Rettungswache. Und Stephan Pfeffer (46), Technischer Beigeordneter der Stadt Borken. Der Vogel wird schmal und schmaler, der Zweikampf immer spannender. Schießmeister Eberhard Klett legt den 224. Schuss ein. Stephan Pfeffer legt an, trifft, der Vogel ist unten. Ganz oben - für den Moment: Stephan Pfeffer. Stolz und allein steht er da, hält den Holzrest für die Fotografen in die Höhe. Wenige Gratulanten. Wer und wo ist seine Königin?

Zweiter Akt

Einzug ins Zelt. Allgemeine Überraschung, gelegentliches Augenbrauenhochziehen. Wie? Der Pfeffer ist doch erst vor zwei Jahren nach Borken gekommen? Der Jubel ist - - (zwei Gedankenstriche) knapp über der Wahrnehmbarkeitsschwelle. Vorstand und Offiziere mühen sich mit mäßigem Erfolg, Stimmung in die Bude zu bringen. Pfeffer tritt ans Mikro, kündigt an, nachdem er sich Ruhe im Saal erbeten hat: „Heute Abend rocken wir das Zelt.“

König und Vorstand ziehen sich zum Zusammenstellen der Throngemeinschaft zurück. Das dauert. Eine Stunde vergeht, anderthalb Stunden. Irgendwas stimmt da nicht. Die Leute sehen Stephan Pfeffer pausenlos telefonieren und Johanni-Präsident Jo Bußmann und seinen Vize Markus Wilgenbus mit ernsten Mienen daneben sitzen. Offiziere schirmen die Drei ab.

Informationen sickern durch: Der König bekomme seinen Hofstaat nicht zusammen. Namen kursieren. Endlich treten Bußmann, Pfeffer, Wilgenbus und Propst Josef Leenders vor die Festgesellschaft. Was wohl die meisten ahnten, wird nun zur Gewissheit: Pfeffer ist die längste Zeit König - gewesen. Mangels Königin und genügend Ehrenpaaren. Bußmann springt ihm zur Seite: Er kenne das aus eigener Erfahrung, wenn man unbedingt König werden will. „Da wird man vom Fieber gepackt.“ So sei es auch Pfeffer gegangen.

Leider hätten dann einige potenzielle Ehrenpaare einschließlich der Königin-Kandidatin(nen?) abgesagt, beziehungsweise seien urlaubsbedingt nicht erreichbar gewesen. Unruhe im Saal. Pfeffer bestätigt das, verknüpft das mit seinem großen Bedauern. Gellendes Pfeifkonzert. Als er zwei Sätze weiter eine Lokalrunde verspricht, hellt sich die Zustimmung ein bisschen auf. Propst Leenders mahnt ruhig zur Besonnenheit in den „Wechselfällen des Lebens“. Seine Worte kommen an.

Dritter Akt

Ein Vogelschießen extra. Darauf haben sich inzwischen die Johanni-Vorderen verständigt. Der sichergestellte Rest-Rumpf vom Vogel wird wieder im Kugelfang befestigt. Nur: Wer soll und will denn jetzt noch schießen? Mathias Krämer tut´s. Der Stimmungspegel steigt schlagartig. Johanni-Ex-Könige stimmen demonstrativ Schlachtrufe an. Nach sieben, acht Schüssen ist es vollbracht. Es ist inzwischen nach vier Uhr am Nachmittag. Der Jubel kennt keine Grenzen. Im Handumdrehen landet Krämer auf den Schultern seiner Freunde.

Der neue König streift sein T-Shirt ab. Darunter trägt er ein weiteres. „Wir sind König“ steht drauf. Drinnen im Saal geht das Spektakel weiter. Die Bühne ist pickepackevoll und bebt bedenklich. Bürgermeister Rolf Lührmann sagt in Anspielung auf des Königs Hauptberuf: „Die Feuerwehr weiß, was zu tun ist, wenn´s brennt.“ Die Menge johlt. Die Proklamation - ein Jubelsturm. Die Johanni-Hymne würde selbst die Schalke-Nordkurve nicht stimmgewaltiger hinbekommen.

Wie hatte Stephan Pfeffer zwei Stunden zuvor gesagt. „Heute Abend rocken wir das Zelt.“ Das ist schon um fünf Uhr der Fall. Der Abend kommt erst noch. 1.) Kommt es anders, und 2.) als man denkt.Kommentar

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