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Volksheldin Ann Timson

Briten feiern ihre „Super-Oma“ - Youtube-Video ein Klick-Hit

Jochen Wittmann

London - Großbritannien feiert eine neue Volksheldin: Ann Timson, die Handtaschen-Oma. Die 71-Jährige hat Zivilcourage bewiesen: Nur mit einer Handtasche bewaffnet, schlug sie sechs Räuber in die Flucht. Ein Video, das ihre Aktion dokumentiert, hat schon Kultstatus im Internet erlangt. In der britischen Presse wird ihr Mut gefeiert. Das Massenblatt „Sun“ erklärte Timson zur „Supergran“ - eine Großmutter als Superheldin.

Es passierte am helllichten Tag. Sechs junge Männer überfallen einen Juwelierladen in der Innenstadt von Northampton. Mit Vorschlaghämmern bearbeiten sie das Sicherheitsglas der Schaufenster. Passanten hören den Lärm, aber keiner bleibt stehen oder will eingreifen. Bis auf eine untersetzte Person im roten Mantel. Ann Timson stürmt im Eilschritt über die Straße. Mit ihrer schwarzen Handtasche drischt sie auf die Räuber ein. Die sind völlig perplex und versuchen, auf ihren Motorrollern zu flüchten. Die Handtaschen-Oma schlägt weiter auf sie ein. Ein Roller stürzt, zwei Räuber fallen zu Boden und werden nochmals von der Rentnerin angegriffen. Mittlerweile kommen andere Passanten zu Hilfe. Vier Räuber im Alter zwischen 18 und 39 Jahren können verhaftet werden. Zwei sind noch flüchtig.

„Ich bin doch keine Heldin“, sagte die ehemalige Marktfrau hinterher. Davon will eine beeindruckte Nation nichts wissen. „Sie sollte für diesen Akt von außerordentlichem, wenn nicht tollkühnem Mut ausgezeichnet werden“, meinte der „Daily Telegraph“. „Was mich antrieb“, erklärte Timson, „war, dass so viele Leute einfach herumstanden und nichts unternommen haben. Vielleicht war es dumm von mir, mich einzumischen, aber jemand musste etwas tun.“

„Genau! Recht so!“, applaudiert man ihr jetzt allseits mit einem wohl etwas schlechten Gewissen. Denn auch in Großbritannien ist es üblich geworden, sich bei Straftaten oder asozialem Verhalten nicht einzumischen. Da verkörpert die Handtaschen-Oma die Rückkehr der Zivilcourage.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Ann Timson einmischt. Die Gegend, in der sie wohnt, wurde früher von Drogenhändlern und Prostituierten heimgesucht. Bis Ann Timson sich einschaltete, die Prostituierten zu Rede stellte, die Autokennzeichen der Pusher fotografierte und ein Dossier der Polizei übergab. Obwohl sie mehrmals und manchmal mit vorgehaltenem Messer bedroht wurde, machte sie mit ihrem Kampf gegen antisoziales Verhalten weiter. „Sie hat wirklich mitgeholfen, diese Gegend hier aufzuräumen“, lobt sie ein Nachbar.

Für Timson ist der Wirbel um ihre Person zu viel. Gut dotierte Angebote für Exklusiv-Interviews mit Massenblättern hat sie ausgeschlagen. Am liebsten wäre ihr, wenn die ganze Aufregung aufhören würde. „Meinen roten Mantel habe ich jetzt weggepackt“, sagt die Heldin wider Willen. „Und demnächst werde ich meine roten Haare grün färben. Dann erkennt mich hoffentlich keiner mehr.“

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