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Die RAF-Debatte

Buback lenkt Ermittlungen auf Verena Becker

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Karlsruhe – Lange schien die Geschichte des bundesdeutschen Terrors der 70er und 80er Jahre juristisch und historisch erstarrt: Die anonymen Mörder der dritten RAF-Generation blieben unbekannt, wenigstens die blutigen Anschläge im „Deutschen Herbst“ des Jahres 1977 schienen aufgeklärt. Nun haben die hartnäckigen Fragen des Michael Buback die bundesdeutsche Historie ins Rutschen gebracht: Zum Mord an seinem Vater, dem damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback, drängt eine neue Wahrheit ans Licht.

Vor Gericht konnte man damit nichts anfangen, weil die Geheimdienstler auf Quellenschutz pochten. Mehr lag aber gegen Wisniewski nicht nicht vor – kein Fingerabdruck, kein Zeuge, nichts. Außerdem hatte man ihn als Schleyer-Attentäter bereits hinter Schloss und Riegel, Ende 1981 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Warum also einer toten Spur nachjagen, wo man im Jahr 1981 doch ganz andere Sorgen hatte: Die RAF-Häftlinge waren im Hungerstreik, es gab Anschläge auf das US-Hauptquartier Ramstein und den US-General Kroesen, Klar und Mohnhaupt waren noch auf freiem Fuß.

Ein Vierteljahrhundert später sagt Boock, der waffenkundige Wisniewski sei wohl der Todesschütze beim Buback-Mord gewesen. Ausgerechnet Boock: Ermittler, die den schillernden Ex-Terroristen seit langem kennen, halten ihn für einen Wichtigtuer, der den Medienauftritt sucht; das Jahrzehnte gehütete Insiderwissen ist in der aufgeheizten RAF-Debatte des Gedenkjahres 2007 zur heißen Ware im Mediengeschäft geworden. Andererseits: Boock gehörte damals zum inneren Zirkel der RAF. Er müsste den genauen Tathergang kennen, glauben Ermittler. Vielleicht sogar genauer, als Boock, dem seine frühere Frau ein „taktischen Verhältnis zur Wahrheit“ nachsagte, öffentlich zugibt.

Jedenfalls erzählt die gerichtlich festgestellte Wahrheit zum Buback-Mord wohl nicht die ganze Geschichte. Das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart verurteilte Folkerts und Christian Klar sowie – als Planerin im Hintergrund – Brigitte Mohnhaupt. Günter Sonnenberg war laut OLG ebenfalls dabei, doch der Mann litt an einer schweren Kopfverletzung, das Verfahren wurde 1982 eingestellt. Einer der drei Männer fuhr laut Urteil die Suzuki, einer schoss vom Sozius aus, in dritter wartete im Fluchtwagen – wer was machte, blieb im Urteil offen.

Daran ist wenig zu rütteln, alle drei wurden von zahlreichen Zeugen in den Tagen vor dem Anschlag vom Morgen des 7. April 1977 in Karlsruhe beobachtet. Das angebliche Folkerts-Alibi, wonach er am Abend desselben Tages Silke Maier-Witt an der deutsch-holländischen Grenze abgeholt haben soll, verwarfen die Ermittler schon 1990. Die Strecke nach Holland ist bis zum Abend locker zu schaffen, außerdem variierte Maier-Witts Aussage. Und selbst wenn Folkerts, den die Bundesanwälte damals intern für den Schützen hielten, am 7. April nicht mehr in Karlsruhe gewesen sein sollte: Seine Rolle als Vorbereiter dürfte hieb- und stichfest nachgewiesen sein.

Dass der Kreis der Buback-Attentäter größer war, mutmaßten Ermittler schon lange. An der Entführung und Ermordung von HannsMartin Schleyer waren mindestens 20 Terroristen beteiligt – warum sollten es bei Buback wenige Monate zuvor nicht auch sechs, acht oder zehn gewesen sein? Ermittelt wurde damals auch gegen Verena Becker, die man vier Wochen nach dem Buback-Mord zusammen mit Sonnenberg in Singen festnahm – mit der Tatwaffe im Gepäck. Auch den Hinweis, auf dem Motorradsozius könnte eine Frau gesessen haben, kannte man: „Das war damals eine zentrale Frage“, sagte ein ehemaliger Ermittler der Deutschen Presse-Agentur dpa. Nur: Die Beweise reichten nicht, das Verfahren wurde eingestellt.

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