1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Buchautor schrieb Kurzgeschichte mit ausländischen Jugendlichen

  6. >

Homepage Thema 6

Buchautor schrieb Kurzgeschichte mit ausländischen Jugendlichen

Stefan Werding

Dortmund/Münster - Güven hat die beste Idee seines Lebens vielleicht schon gehabt. Der ehemalige Schüler aus dem Deutsch-Kurs 10 E der Anne-Frank-Gesamtschule Dortmund war es, der Buchautor Burkhard Spinnen mächtig überraschte. „Die Idee hätte von mir sein können“, sagt der münsterische Intellektuelle. Und das will was heißen.

Güven hat einer Geschichte einen Namen gegeben, die er und seine Mitschüler geschrieben haben; „31“. Für diese schlichte Zahl hat er deswegen so viel Lob geerntet, weil sie bündig wiedergibt, was die Geschichte von 31 Schülern auf einer einsamen Insel eigentlich beschreibt: Menschen, die in eine Gemeinschaft gezwungen werden, ihre Fähigkeit und Unfähigkeit, miteinander auszukommen und sich gemeinsamen Herausforderung zu stellen. Und das nicht nur auf einer Insel, sondern auch im heruntergekommenen Unterrichtsraum der 10 E. Und sogar in ihrem Leben.

Die 10 E war ein Deutsch-Kurs mit 31 Schülern. Zwei waren deutscher Herkunft, für alle anderen ist Deutsch - auch im Alltag - nur die zweite Sprache. Lesen und Literatur spielt in ihrem Leben kaum eine Rolle. „Robinson Crusoe“ jedenfalls kannte keiner von ihnen. „Für ein Projekt wie dieses waren das keine besonders guten Voraussetzungen“, findet Spinnen.

Herausgekommen ist deswegen keine Geschichte, für die er einen Preis erwartet: „Mir ging es nicht darum, mit dem fertigen Text zu glänzen.“ Spinnen freut sich über andere Erfolge: Über Yusuf, der in den drei Monaten, in denen der Autor den Kurs begleitet hat, mehr schrieb als in seiner gesamten Schullaufbahn. „Vielleicht sogar mehr als in seinem gesamten Leben,“ vermutet Spinnen, der aber anderes hofft. „Ich habe um Texte gebettelt und gebaggert, ich habe getan, was ich konnte, um zu motivieren,“ berichtet Spinnen. Nicht alle haben so viel geschrieben wie Yusuf, der 70 Seiten beitrug. Das hatte dem Jungen niemand zugetraut. Auch Spinnen nicht. Schnell hatte er bemerkt, dass die gesamte Klasse nicht länger konzentriert arbeiten konnte. „Länger“ heißt in diesem Fall: zwei Minuten.

Spinnen hatte in der Gesamtschule im problematischen Dortmunder Norden schnell den Eindruck, dass vor allem die Mädchen wenig Möglichkeiten haben, über sich zu schreiben. Bei ihnen entdeckte er den Hang, auch ihre - angeblich persönlichsten Gedanken - voneinander abzuschreiben. Bloß keine Fehler machen, bloß nicht aus dem Rahmen fallen. Dabei ist Spinnen überzeugt: „Wir leben in einer Kultur, in der gerade von Frauen erwartet wird, sich selbstständig zu machen.“ Das aber gehe nur mit Bildung. Darum hat er sich auch an dem Projekt beteiligt, in dem sechs Autoren mit Schülern zwischen zwölf und 17 Jahren Texte zum Thema „Demokratie leben“ verfassten. Dafür kooperierten das PEN-Zentrum Deutschland und die Landeszentrale für politische Bildung unter dem Dach des Kulturprogramms Ruhr 2010.

In Spinnens Augen muss der Deutschunterricht in solchen Klassen „die Notwendigkeit einer dauernden und intensiven Arbeit an der eigenen Sprachfertigkeit vermitteln. Ein Projekt wie dieses könne ein Baustein sein zu einer Verbesserung der Sprachfähigkeit nichtdeutscher Kinder - und damit ein ganz wesentlicher Beitrag zur Integration.“

» Die Ruhr fließt anders als der Bosporus. Herausgegeben von Jürgen Baurmann und Hermann Schulz, Klartext Verlag, Essen 2010. 14,95 Euro, 320 Seiten.

Startseite