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„Keine Autogramme in der Kirche“

Bundestrainer Joachim Löw feiert Weihnachten ohne Geschenke / „Mir hilft eine Distanz zum Fußball“

Würzburg

Pause in der Bundesliga, freie Zeit für die Nationalmannschaft. Eine gute Gelegenheit, um mit Fußball-Bundestrainer Joachim Löw über Weihnachten und Werte, Bescheidenheit und Burnout, Demut und die Freiheit, Nein sagen zu können zu sprechen. Das Gespräch führte Achim Muth.

wn

Herr Löw, welchen Bezug haben Sie als ehemaliger Ministrant zum Weihnachtsfest?

Joachim Löw: Weihnachten heißt für mich: Ruhe, Familie, Tradition, gutes Essen.

Gehen Sie auch in die Kirche?

Löw: Am Heiligen Abend, ja.

Aus Überzeugung?

Löw: Wir gehen an Weihnachten gerne mit der Familie in die Kirche.

Sind Sie ein gläubiger Mensch, der regelmäßig betet?

Löw: Ich bete auf meine Art und Weise. Ich muss aber nicht unbedingt in die Kirche gehen, um zu beten.

Was stärkt Sie?

Löw: Jeder Mensch sucht ja nach Glauben oder nach einem Halt. Es gibt ja auch das Erleben der inneren Stärke. Der Ruhe, die einem Kraft gibt, die man benötigt, um durchs Leben zu gehen.

Sie verbinden Weihnachten mit Ruhe. Wie ruhig ist denn der Heilige Abend im Hause Löw?

Löw: Der Großteil der Familie ist beisammen, und das genießen wir sehr. Für mich bedeutet dieser private Kreis auch Ruhe und Zufriedenheit.

Und niemand fragt Sie nach der Nationalmannschaft?

Löw: Das Thema ist an Weihnachten außen vor.

Auch bei den Leuten, die den Bundestrainer beim Kirchgang treffen?

Löw: Ich habe es fast überall erlebt, dass Leute mich auf die Nationalmannschaft ansprechen oder um ein Autogramm bitten, aber in der Kirche bislang noch nicht (lacht).

Kümmern Sie sich selbst um die Geschenke?

Löw: Bei uns gibt es keine Geschenke.

Grundsätzlich nicht?

Löw: Nur für die Kinder in der Familie. Unter uns Erwachsenen ist das aber schon seit vielen Jahren nicht mehr der Fall.

Weil einem nichts mehr einfällt, weil man schon alles hat?

Löw: Nein, weil wir das Geld, das wir normalerweise in Geschenke investieren würden, lieber für gute Zwecke verwenden und damit Menschen helfen, die wirklich hilfsbedürftig sind.

Herr Löw, enge Mitarbeiter erzählen, dass Werte für den Bundestrainer wichtig sind. Sind sie auch ein Auswahlkriterium bei der Zusammenstellung der Nationalmannschaft?

Löw: Ja, sie sind ein Teil. Als Trainer ist es wichtig zu wissen: Wie verhalten sich Spieler in einem Team. Eine Mannschaft zu sein, ist im heutigen Leistungssport Fußball viel wichtiger als je zuvor. Es gibt Werte, die dort zu beachten sind: respektvoller Umgang untereinander, aber auch gegenüber unserem Team hinter dem Team. Kommunikation, Toleranz, Disziplin, Akzeptanz von Abläufen, Zuverlässigkeit, Seriösität, Konzentrationsfähigkeit: Das alles spielt eine Rolle für ein gutes Arbeitsklima.

Wie wichtig ist die Teamfähigkeit im Vergleich zur fußballerischen Klasse des Spieler?

Löw: Das ist schwierig zu beurteilen. Ich schaue zunächst: Ist ein Spieler in der Lage das umzusetzen, was ein Trainer von ihm will. Später, wenn es auf die Nominierung für ein großes Turnier zugeht, diskutieren wir im internen Kreis schon darüber: Welche Spieler können der Mannschaft Energie geben? Welche Spieler sind frusttolerant, wenn sie mal nicht spielen. Welche Spieler können dem Konkurrenzkampf standhalten und ihn fördern? Welche Spieler sind vielleicht getrieben von zu viel Egoismus oder zu viel Neid? Das sind wichtige Fragen, denn bei einer EM oder WM sind 60 bis 70 Leute acht Wochen auf ganz engen Raum zusammen. Da braucht es langen Atem.

Werte sind also kein Auswahlkriterium, aber ein K.o.-Kriterium?

Löw: Die Frage ist: Wie viele Egoisten verträgt ein Team? Einen? Zwei? Drei? Wie viele Leute wollen Führung übernehmen? Sind das vielleicht auch zu viele?

Wie viele Egoisten verträgt ein Team?

Löw: Das hängt von der individuellen Klasse ab.

Wer sind die Egoisten in Ihrem Team?

Löw: Ich glaube, das können Sie fast selbst beantworten.

Mir fällt keiner ein.

Löw: Sehen Sie, auch ich sehe keinen ausgesprochenen Egoisten in unserer Mannschaft.

Das ist die Folge Ihres Auswahlverfahrens?

Löw: Nicht nur. Die jungen Spieler, die in den vergangenen Jahren hochkamen, sind alle fußballerisch sehr gut ausgebildet. Sie sind aber auch besser auf ihre Karriere vorbereitet worden, als das noch vor fünf oder zehn Jahren der Fall war.

Was zeichnet Führungsspieler aus?

Löw: Sie sind vor allen Dingen erfolgshungrig. Dazu ist heute ein hohes Maß an Bescheidenheit gefragt.

Sie sprachen von Bescheidenheit. Haben Sie sich deswegen so geärgert, dass Philipp Lahm in seinem Buch frühere Trainer von ihm kritisiert hat?

Löw: Ja, ich habe mich geärgert über diese Aussagen. Es steht ihm nicht zu, während seiner aktiven Zeit Trainer zu bewerten, die maßgeblichen Anteil an seiner Karriere in der Nationalmannschaft hatten.

Muss ein Spieler Vorbild sein?

Löw: Demut ist ein entscheidender Punkt. Demut gegenüber den Fans beispielsweise. Ihnen zu zeigen: Ich spiele gerne Fußball und tue etwas dafür, dass ihr eure positiven Emotionen bekommt. Aber auch gegenüber einer anderen Kultur, einer anderen Mentalität, anderen Bräuchen, anderen Sitten ist Demut wichtig.

Viel verlangt von einem Spieler, der in einem aufgeheizten Umfeld mit Verein, Beratern, Öffentlichkeit, Fans, Sponsoren, Medien klarkommen muss. Sie haben selbst mal gesagt, ein Profi muss seine eigene Firma sein.

Löw: Das mit der Firma war in Bezug auf Leistung und Lebensweise gemeint. Es ist nicht einfach, mit 19 oder 20 so in der Öffentlichkeit zu stehen und sehr viel Geld zu verdienen. Es ist wichtig, sich mit der Situation auseinandersetzen, mit Sieg oder Niederlage umzugehen.

Wie gehen Sie selbst damit um, ständig in der Öffentlichkeit zu stehen und beobachtet zu werden? Holen Sie sich Hilfe, lassen Sie sich coachen, buchen Sie Seminare?

Löw: Ich denke nicht, dass da Seminare helfen. Ich habe das Gefühl, dass mir die ganze Geschichte viel Spaß macht. Bei einem Turnier beispielsweise ist meine Freude größer als der Druck, der auf mir lastet.

Ist das Ihre Mentalität?

Löw: Das weiß ich nicht. Ich würde lügen, wenn ich sage: Ich spüre den Druck nicht. Mir hilft zum einen eine gewisse Distanz zum Fußball. Ich brauche meinen privaten Bereich. Deswegen versuche ich, diesen so gut es geht abzuschotten. Meine engsten Mitarbeiter im Trainerteam kennen alle meine Stärken und Schwächen.

Diese Schwächen räumen Sie ohne Probleme ein?

Löw: Ja, natürlich, klar. Meine engsten Mitarbeiter spüren schon, wenn meine Begeisterungsfähigkeit mal nachlässt. Wenn ich unsicher werde. Wenn ich nach Lösungen suche und frage: Was können wir tun, um noch besser zu werden? Dann bin ich froh, dass ich einen Input bekomme und Mitarbeiter mir sagen: ‚Das geht jetzt in die falsche Richtung.’ Das ist unsere Stärke.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Löw: Drei Wochen nach der WM 2010 habe ich mich schon gefragt: Was soll das, jetzt ein Spiel gegen Dänemark zu machen? Da hat mich Hansi Flick motiviert, hat gesagt: Jogi, wir müssen jetzt wieder mal was tun, wir müssen uns zusammensetzen, wir müssen über die Gegner reden und über unsere Spieler. Wir müssen wieder etwas vorantreiben.‘

Er hat Ihnen neue Kraft gegeben?

Löw: Ja, er hat mich angetrieben, die Dinge wieder zu forcieren.

In jüngster Zeit hat der Profifußball durch dramatische Ereignisse Schlagzeilen gemacht. Der walisische Nationaltrainer Gary Speed verübte einen Suizid, Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati versuchte, sich das Leben zu nehmen. Was bewirken solche Geschehnisse in Ihnen?

Löw: Ich mache mir Gedanken. Gerade am Ende eines Jahres, wenn Ruhe einkehrt, oder nach Turnieren mit einem extrem großen Energieverlust, da gibt es diese Tage, an denen man spürt: ‚Eigentlich bin ich müde und möchte nicht immer nur mit Fußball konfrontiert sein.’ Es ist klar, dass nach emotionalen Momenten wie bei der WM 2010 ein Gefühlseinbruch folgt. Da sind die positiven Emotionen, aber Körper und Seele suchen ja einen Ausgleich. Da fällt man manchmal aus dem Gleichgewicht. Dass ein Trainer wie Ralf Rangnick, der nicht mehr schläft, nicht mehr isst, irgendwann sagt, jetzt ist gut, ich bin nicht mehr in der Lage, der Mannschaft Energie zu geben, das kann ich nachvollziehen. Als Trainer muss man das schon können, vorneweg gehen.

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