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Deutsches Team

Bundesweites Daumendrücken

Michael Schulte

Pretoria - Mehr Freude als Angst verspürt Joachim Löw vor dem heutigen, entscheidenden Spiel gegen Ghana. Das liegt daran, dass er sich selbst als Kampftrainer bezeichnet. Ihm gefallen diese großen Wettkämpfe, wenn es um alles oder nichts geht. Wenn die ganze Welt zuschaut. Und wenn vor allem die gesamte deutsche Nation mitfiebert. Dann weiß er, dass er den schönsten Beruf der Welt hat. Weil er etwas bewirken kann, das Freude auslöst. Weil er sich beweisen kann. Und weil er eben alles andere ausblendet. Vor allem das Szenario, das vor ihm noch kein Bundestrainer erleben musste: das Scheitern einer deutschen Mannschaft in der Vorrunde einer WM.

Für Löw ist klar, dass die Partie gegen Ghana heute Abend kein Selbstläufer werden wird. Muss es auch nicht, weil man ja vorbereitet ist. Weil man neben der nötigen Anspannung über genügend Konzentration, Überzeugung, Qualität und Potenzial verfügt. Nein, an Selbstbewusstsein mangelt es der deutschen Mannschaft nicht, das sagen sie alle. „Wir haben alles, was wir brauchen, um Ghana zu besiegen.“ Jetzt müssen sie es nur noch auf dem Platz umsetzen.

In seine taktischen Planspiele gibt Löw allenfalls einen kleinen Einblick. Wahrscheinlich wird Cacau für Klose beginnen. Gut möglich, dass Marcell Jansen auf der linken Abwehrseite Badstuber ersetzen wird. Auch nicht auszuschließen, dass der Bundestrainer mit zwei Spitzen angreifen lässt, denn klare Vorgabe ist ein Sieg. Auf nichts anderes sind alle fokussiert.

Daher kümmert sich Löw heute Abend auch nicht darum, wie es im Parallelspiel zwischen Serbien und Australien steht. „Wir wollen unsere Aufgabe erledigen, erst dann interessiert mich das Ergebnis des anderen Spiels.“

Im deutschen Lager ist man sehr dankbar für all die positiven Wünsche, die per SMS, E-Mail oder Fax einlaufen. Von den Philippinen bis Südtirol, vom Bayerischen Wald bis wer-weiß-wo haben sich die vielen Daumendrücker gemeldet. Und auch diese Menschen will man nicht enttäuschen.

Nein, an ein Scheitern verschwendet niemand einen Gedanken. Mit der Gewissheit, die bessere Mannschaft zu besitzen, will Löw heute von Beginn an das Heft des Handelns in die Hand nehmen. „Wir müssen Ghana von Anfang an unter Druck setzen.“

Das Abschlusstraining fand gestern in Pretoria statt, nicht im Soccer City Stadion von Johannesburg. Dem riesigen Kessel, der über 90 000 Besucher fasst. Ein Schnuppern und erstes Abtasten vor Ort wäre sicherlich eine sinnvolle Option gewesen, aber Löw scheute die lange Busreise. „Außerdem kennen meine Spieler solche Arenen aus der Bundesliga und der Champions League.“ Neuland wird von daher nicht betreten.

Löw hat sich über Ghana gut informiert. Das Spiel der Afrikaner gegen Australien (1:1) hat er sich angesehen. Viele Videostudien wurden analysiert, Chefscout Urs Siegenthaler hat seine Erkenntnisse mitgeteilt. Löw kennt die zwei Hoffenheimer Spieler Vorsah und Tagoe sowie den Leverkusener Sarpei. Und auch Ghanas Boateng ist ihm nicht unbekannt. Körperlich betont spielen sie alle, sie sind schnell und lieben die direkten Duelle. Und auch mit dem daraus entstehenden Druck können sie umgehen. So sieht Löw das Team aus Ghana.

Den Schiedsrichter aus Brasilien, der die Partie heute leiten wird, bezeichnet Löw als korrekt bis pedantisch. Er hat das seinen Spielern mitgeteilt, aber keine Verhaltensmaßnahmen für Zweikämpfe mitgegeben. „Nur Diskussionen auf dem Platz, die mag ich nicht.“

Für Joachim Löw kann es losgehen. Seine Arbeit ist getan. Und sie wird weitergehen: „Ich werde Ihnen auch am Donnerstag noch als Bundestrainer gegenüber treten“, sagte er gestern zu den Journalisten. So ist er, der Kampftrainer.

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