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Reste vom Vortag

Caritas fordert neues Konzept für die Tafeln

Hilmar Riemenschneider

düsseldorf - Alle könnten ein gutes Gefühl bei einer guten Sache haben - bei der Unterstützung der Tafeln und Kleiderkammern. Die Händler werden nicht verkäufliche Ware los, die ehrenamtlichen Helfer leisten Sinnvolles, die Träger fördern ein starkes Ehrenamt, die Politik freut sich über positive Bilder, weil Bedürftige Hilfe bekommen. Etwa 1100 existenzunterstützende Angebote gibt es nach Schätzungen der Caritas in NRW, die Hälfte davon in katholischer Trägerschaft.

Doch der harmonische Eindruck verstelle den Blick auf die Kernfragen, streut Heinz-Josef Kessmann Sand ins Getriebe. Der Leiter der Caritas im Bistum Münster ist zugleich Sprecher des Verbandes in NRW. Kessmann fragt nach der Tragweite der Tafeln und Anlaufstellen: „Ist das die gesellschaftlich richtige Hilfe?“ Er stelle weder die Angebote noch die ehrenamtliche Arbeit dort in Frage, betont der Sozialwerkschef. Von Grundsatzfragen hält ihn das nicht ab: „Ist es staatliche Verantwortung, oder ist es christliche Nächstenliebe, die nötig ist?“ Kessmann kennt auch Antworten.

Sie finden sich in einer Studie der Caritas in NRW über rund 540 existenzunterstützenden Angebote in katholischer Hand. Die Ergebnisse stellte er gestern in Düsseldorf mit Michaela Hofmann, Vizesprecherin der Nationalen Armutskonferenz, vor. Sie weist auf ein Kernproblem der Tafeln hin, das die Fragebögen und Interviews aufgedeckt haben: Während die Helfer sich eher auf Augenhöhe mit den Nutzern der Angebote sehen, empfinden die Betroffenen die Ausgabe von Lebensmitteln meist als ausgrenzend und Almosen. Das liegt, erklärt Hofmann, unter anderem daran, dass die Nutzer zunächst ihre Hilfeberechtigung in persönlichen Gesprächen oder mit einem Hartz-IV-Bescheid nachweisen müssen. „Das bedeutet, wenn man dorthin geht, schaut man in den Spiegel der Ausgrenzung“, schildert Hofmann die Situation.

Aus Caritas-Sicht liegt die Lösung in der Erweiterung der Tafeln und Kammern um ein Beratungsangebot und einfachen Kontaktmöglichkeiten. In der Drogenhilfe seien solche Konzepte erprobt, sagt Hofmann.

Zurück zu Kessmanns Fragen: „Die Existenzsicherung aller Menschen in unserer Gesellschaft ist Aufgabe des Staates“, stellt der Caritas-Sprecher heraus. Die könne nicht auf die Tafeln abgewälzt werden, die aber weiter unverzichtbar seien. Zudem müssen existenzunterstützende Angebote „über eine Versorgung mit dem Notwendigsten hinaus die Selbsthilfekräfte der Nutzer stärken“, lautet eine weitere Caritas-Forderung. Ein politisches Echo fand die Caritas gestern im Düsseldorfer Landtag nicht.

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