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„Charlie Bartlett“: Therapie auf der Toilette

Hans Gerhold

All jene Lehrkräfte, die wenig von den pubertären Problemen ihrer Zöglinge verstehen, sollten mal die Filmbank drücken und sich in „Charlie Bartlett“ über die zwischen Stress und Selbsthilfe aufgeriebenen Schüler informieren. Eine kleine Verständnishilfe: Dieser Film ist eine Satire, was bedeutet, dass Witze, Gags und Humor nicht als parallele Geraden zur Realität zu verstehen sind. Von wegen Schnittpunkt. Gepackt?

Der 17-jährige Charlie Bartlett (Anton Yelchin, „Alpha Dog“) fliegt wieder mal von einer Privatschule, wo er gefälschte Fahrausweise florierend umsetzte, und landet auf einer öffentlichen Schule, wo er mit feinen Klamotten und höflicher Art nicht ankommt und vermöbelt wird. Da Charlie ein nicht unter zu kriegender Optimist ist, bietet er Prügelpeiniger Murphy (Tyler Hilton) ein Geschäft an. Gemeinsam verhökern sie die von Charlies Familienpsychiater verschriebenen Psychopharmaka an die Mitschüler, die fortan die Penne mit Pillen verkraften.

Alle werden glücklich und locker, die Jungunternehmer beliebt, und Charlie entwickelt sich vom Außenseiter zum Selbsthilfeguru, der bei Behinderten wie Sportchampions gleichermaßen beliebt ist. Charlie studiert Psychogelaber im Schnellverfahren, bald bilden sich Schlangen vor der Jungentoilette, wo er Therapiesitzungen abhält. Alles wäre gut, wenn sich Charlie nicht in Susan (Kat Dennings), Tochter des Direktors (Robert Downey Jr.) verlieben würde. Zudem lässt der von der Tochter „Der Rektor“ genannte Vater die Schule mit Überwachungskameras schmücken. Wenn da kein Protest vonnöten ist . . .

Ähnlich wie „Rushmore“, aber nicht so gewollt versponnen, sondern mit einem von gewitzten und coolen Dialogen getragenen originellen Skript (Gustin Nash) liegt „Charlie Bartlett“ Meilen vom „American Pie“-Humor entfernt und umgeht geschickt die Formeln des Teeniefilms. Charlie ist ein echtes Unikum, emotional vernachlässigt und doch mit gesundem Selbstvertrauen gesegnet, charmant, liebenswert und auf Solidarität bedacht.

Dass Charlie Cat Stevens mag, sei ihm verziehen (heute sind Arctic Monkeys, Mando Diao oder Billy Talent angesagt), aber die Tonschwankungen auch in der Inszenierung schmälern kaum die Reize und Reaktionen der bemerkenswerten Schulsatire, wo selbst Toilettensitzungen eine neue Bedeutung bekommen. „What if I say I'm not like the others? What if I say that I'll never surrender?“

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