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Cine-Lenz

"Che - Revolucion": Aufmucken mit Ausstrahlung

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<1>Die meisten kennen ihn nur noch als T-Shirt-Motiv: Ché Guevera, jenen argentinischen Arzt, der sich in den späten 1950er Jahren um die kubanische Revolution kümmerte. „Ocean’s Eleven“-Regisseur Steven Soderbergh benötigt für sein der historischen Genauigkeit verpflichtetes Filmporträt ganze viereinhalb Stunden. Bei der Premiere vergangenes Jahr in Cannes schimpften viele über Langeweile. Immerhin gewann Ché-Darsteller Benicio del Toro („Sin City“) die Darsteller-Palme. Doch Revoluzzerkino kann auch anders aussehen.

Im ersten „Ché“-Film schildert Soderbergh die Eroberung Kubas in den Jahren 1956 bis 1959: Fidel Castro setzt mit 80 Revolutionären auf die Insel über, um die Batista-Diktatur zu stürzen. An seiner Seite der wichtigste Mann: Ché Guevara. Im zweiten Teil (startet im Juli) folgt dann der Niedergang, der Abgesang auf alles Revolutionäre: Im Guerillakrieg in Bolivien 1966/67 scheitert und stirbt der legendäre Revolutions-Söldner. Akribisch werden Planung und Durchführung des Guerillakriegs geschildert. Manch einer ächzt, Revolution hätte sich im Kino noch nie so zäh angefühlt.

<2>Anderen wiederum ist ein derart dokumentarischer Ansatz allemal lieber als das wild-romantische Action-Szenario, das Bernd Eichinger mit seinem „Baader-Meinhof-Komplex“ angerichtet hat: RAF-Terrorist Andreas Baader – für manch Verblendeten immer noch ein Revoluzzer-Vorbild – lispelt da nicht so wie in Wirklichkeit, sondern kommt als cooler Hecht daher.

Der Film hetzt von historisch verbürgter Situation zu historisch verbürgter Situation. Er füllt das weniger historisch verbürgte Dazwischen mit geschmeidigem Hätte-so-sein-können und lässt garantiert keine Langeweile aufkommen: ein Terrorismus-Referat in superpoppig, bombig erfolgreich und betont kommerziell. Das darf man suspekt finden.

Abgesehen von Dokumentationen wurde die RAF im Kino aber auch schon weniger mainstreamlinienförmig angepackt. Stellvertretend hingewiesen sei auf den nicht vollends gelungenen, aber interessanten Film „Baader“ (2002) mit Frank Giering in der Titelrolle: sperrig, halbfiktiv, seltsam und daher auch irgendwie gut.

Die Revolution im Kleinen versuchten vor fünf Jahren Daniel Brühl, Stipe Erceg und Julia Jentsch in „Die fetten Jahre sind vorbei“: Im Film brechen sie in die Häuser reicher Leute ein, treiben Schabernack mit deren Protz-Mobiliar und kidnappen am Ende gar einen der Villenbesitzer. Regisseur Hans Weingartner leitete damit eine Art Repolitisierung des deutschen Kinos ein. Dumm nur, dass er das Revoluzzer-Prinzip in seinem folgenden Film „Free Rainer“ wieder banalisierte. Auch dort gab Moritz Bleibtreu den Aufrührer – diesmal als Medienmacher.

Und was ist mit der Urmutter aller großen Revolutionen, der Französischen Revolution? In einem postmodernen Kostümfilm wie „Marie Antoinette“ läuft sie eher im Hintergrund ab, personifiziert als Mob, der vor Versailles tobt, wo die Königin noch luxuriös schmaust. Konkretes Thema ist sie vor allem in verfilmten Theaterstücken wie „Danton“ (mit Gérard Depardieu in der Titelrolle), wo Robespierre und Co. in wortreichen Dialogen über sie verhandeln.

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