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Cine-Lenz

Colin Farrell: Chance am Rande des Abgrunds

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Die Killerkomödie „Brügge sehen... und sterben?“ wird allseits gepriesen – als umwerfende Unterhaltung mit Spannung und Schwarzhumor. Vor allem aber markiert das belgisch-britische Filmdebüt des Theaterautors Martin McDonagh das Comeback von Colin Farrell. Den Star hatte der Ruhm und alles was damit zusammenhängt (Flops, Drogen und Videos) zuletzt schließlich fast aus der Bahn geworfen.

Man darf nicht vergessen, dass Colin Farrell, der in Dublin aufgewachsene Sohn eines Fußballspielers, mit 24 Jahren schlagartig berühmt wurde in Hollywood. Das ist kein Zuckerschlecken. Seine Rolle im Soldatendrama „Tigerland“ hatte Farrell die ersten Kritikerpreise eingebracht und den jungen Iren aus dem Stand zum begehrten Hauptrollenschauspieler katapultiert.

Der Mann mit den markanten Augenbrauen macht sich gut in Uniform. Deshalb durfte er in „Das Tribunal“ an der Seite von Bruce Willis gleich nochmal in ein historisches Lager – diesmal in Deutschland zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Unter Steven Spielbergs Regie jagte er Tom Cruise in „Minority Report“, und „Tigerland“-Regisseur Joel Schumacher holte ihn für „Nicht auflegen!“ wieder vor die Kamera.

Das Militärische ließ den muskulösen Mimen weiterhin nicht los, und vielleicht hat er diese Masche überstrapaziert: Sein martialischer Auftritt in „S. W. A. T.“ wurde belächelt. Jene Rolle, die ihn auf die Oscar-Agenda setzen sollte, ging schief: Als blondierter Feldherr „Alexander“ in Oliver Stones antikem Sandalen-Epos scheiterte er fürchterlich – obwohl er um Zwischentöne bemüht war und Alexander den Großen (anders etwa als Brad Pitt seinen Achill in „Troja“) als zwiegespaltene, bisexuelle Seele anlegte.

Es half nichts, der erste Kredit war verspielt. Seine engagierten Parts in „kleineren“ Filmen (neben Tilda Swinton im Familiendrama „War Zone“, als Jesse James in „American Outlaws“, als sanfter Schwuler in „Ein Zuhause am Ende der Welt“) konnten das nicht aufwiegen. Und so ging auch weiterhin ziemlich viel schief. Nach seinem Auftritt als Don-Johnson-Wiedergänger im „Miami Vice“- Remake wäre er beinahe an einer Überdosis gestorben. Eine viermonatige Ehe mit einer 18-Jährigen lag hinter ihm, ein Kind mit einer anderen wuchs ohne ihn auf. Und eine Ex-Gespielin verbreitete ein aussagekräftiges Video, in dem sie mit dem Star das Kamasutra nachspielt. Vielleicht also war der irische Junge, der einst die Schauspielschule abbrach, etwas zu schnell zum Star avanciert.

Nach einer langen Entziehungskur ist „Brügge sehen... und sterben?“ jetzt der erste Film, in dem Colin Farrell wieder auf der Höhe ist. Der nächste ist Woody Allens „Cassandras Traum“, der in drei Wochen ins Kino kommt. Drei weitere Filme sind schon abgedreht. Darunter jener, in dem er den verstorbenen Heath Ledger ersetzt. Gut möglich, dass Farrells Karriere jetzt, nach einer solchen Krise, erst richtig interessant wird.

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