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Das Comeback der Elite

unserem Redaktionsmitglied Dorle Neumann

London/Münster - Die britische Oberschicht hat die Downing Street zurückerobert. In den Jahren und Jahrzehnten zuvor hatten erst der Sohn eines Chemikers (Harold Wilson), dann der Spross eines Zimmermanns und einer Zofe (Edward Heath), dann eine Krämerstochter (Margaret Thatcher), der Sohn eines Bankrotteurs (John Major) und der Enkel eines Zirkusartisten (Tony Blair) sowie ein Pfarrerssohn (Gordon Brown) durch enormen Fleiß und persönlichen Ehrgeiz ihre politischen Karrieren mit dem Amt des Premiers gekrönt.

Mit David Cameron ist nun zum ersten Mal seit 1963 wieder ein Vertreter der klassischen Oberschicht an die Schalthebel der Macht im Vereinigten Königreich gekommen. Sein Vater Ian Donald Cameron machte zur richtigen Zeit an der Börse sein Geld, die Mutter Mary Fleur Mount, Tochter des zweiten Baronet Mount, brachte den für die Anerkennung in den „richtigen Kreisen“ so notwendigen familiären Hintergrund in die Familie ein. So müssen sich die Camerons wahrlich nicht verstecken: König William IV. taucht in ihrer Ahnenreihe auf.

Seine Bildung erhielt David Cameron in Eton und Oxford - was seine Kritiker als zu elitär für einen Politiker gebrandmarkt haben, seine Anhänger dagegen als erstklassige Grundlage begrüßen. Professor Vernon Bogdanor in Oxford bezeichnete ihn als einen der fähigsten Studenten, die er je hatte, und beschrieb seine politischen Ansichten als die eines gemäßigten und vernünftigen Konservativen. „Er beugt sich nicht unter Druck, und er denkt, bevor er handelt.“ 1988 beendete Cameron sein Studium mit Auszeichnung. 1996 heiratet er Samantha Sheffield, Tochter eines Baronets, deren Abstammung auf König Karl II. zurückgeht.

Den Wandel in der Downing Street hat ausgerechnet Gordon Brown in seinem Abschiedsstatement vor Augen geführt. Er habe den Job geliebt, bekannte er am Mikrofon vor der berühmten Nummer 10, aber nicht „wegen des Prestiges, der Titel oder der Förmlichkeit - die mochte ich überhaupt nicht!“ David Cameron käme es gar nicht in den Sinn, diese Aspekte als Belastung zu empfinden - seine Herkunft und seine Erziehung gebieten, sie selbstverständlich, aber mit eigenem Stil zu akzeptieren.

Politische Beobachter haben festgestellt, dass zu den herausragenden Fähigkeiten des 43-jährigen Parteichefs gehört, tiefgreifende Differenzen überwinden und versöhnen zu können. Er vertritt nicht mehr den kalten Konservativismus der Ära Thatcher, sondern den „compassionate conservativism“, ein Konservativismus mit Herz und Verständnis für die Benachteiligten der Gesellschaft. Das lange Leiden seines Sohnes Ivan, der von seinen Eltern rund um die Uhr betreut wurde und 2009 mit sechs Jahren an Kinderlähmung und Epilepsie starb, hat Cameron geprägt.

Der Wille zur Versöhnung erklärt auch, wieso nur wenige Tage nach einem erbitterten Wahlkampf Cameron und sein scharfer Kritiker Nick Clegg ganz entspannt und fast freundschaftlich plaudernd vor die Medien im Rosengarten der Downing Street treten und ihr Programm verkünden konnten - und glaubwürdig erschienen. Die Fokussierung auf die gemeinsame Sache war ein wesentlicher Punkt, der aus den Rivalen rasch Verbündete machen konnte. Der andere Punkt ist die Herkunft aus der gleichen Gesellschaftsschicht - was im traditionsbewussten Britannien noch immer von großer Bedeutung ist. Cleggs Vater Nicholas ist ein Bankier. Cleggs Großeltern sind Hugh Anthony Clegg und Baronin Kira von Engelhardt. Clegg studierte in Cambridge - und auch er kennt „die richtigen Leute“.

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