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Das Gift in satten Gewändern serviert

Hans Gerhold

Man lasse sich vom Titel „Der Fluch der goldenen Blume“ nicht abhalten. Was Zhang Yimou nach seinem epochalen Meisterwerk „Hero“ und nach „House of Flying Daggers“ präsentiert, schlägt vergleichbare westliche Historienepen um Längen. Hier konzentriert er sich auf einen mit List, Tücke, Schwert und Gift ausgetragenen Machtkampf, der 928 nach Christus zum Ende der Familie eines chinesischen Kaisers führt.

Das hört sich nach einem Königsdrama wie von Shakespeare an, und in der Tat wäre der stolz auf das, was der nach dem chinesischen Theaterklassiker „Das Gewitter“ inszenierte Film bietet – und jetzt genug von Shakespeare, die Verweise auf westliche Vorbilder sind nützliche Analogien, nicht mehr. Vorbilder brauchen die Chinesen nicht, sie können das schon allein.

Während der chinesische Kaiser (Chow Yun-Fat) seine Gattin (Gong Li) langsam vergiften lässt, plant sie mit dem ihr inzestuös verbundenen Stiefsohn und Kronprinzen einen Putsch und erhält unerwartete Hilfe vom nach sieben Jahren Kriegsdienst heimgekehrten zweiten Sohn, der Thronansprüche erhebt, während Sohn Nr. 3 an Missachtung durch den Vater leidet. Am Tag des Chrysanthemenfests häufen sich die Leichen im Palast.

Zhang Yimou inszeniert das als Fest für die Augen – ein ästhetisch ausgefeiltes eindrucksvolles Kunstwerk, das es versteht, mit Blicken, Ritualen und Farben die Machtkämpfe transparent zu machen, ohne dass Dialoge benötigt würden. Der Blickwechsel zwischen Chow Yun-Fat und Gong Li spricht Bände. Gier, Hass und Eifersucht spielen sich vor einem luxuriös dekadenten Ambiente ab, das Ausdruck von Unterdrückung, Maßregelung und ein Käfig jener Herrschenden ist, die wie die Kaiserin die toxische Strafaktion mit maskenhaften Gesicht hinnehmen müssen.

Dem entspricht ein radikaler Einsatz von Farben, wie ihn kaum ein Regisseur wagt. Goldgelbe, rote und schwarze Farbtöne sind prachtvoll anzusehen – und sie zeigen des Pudels Kern, sind Ausdruck von heimlicher, offener, repräsentativer und absoluter Macht. Die Form entspricht dem Inhalt vollkommen. Da legen Dienerinnen in langen Reihen Schmuck und prunksatte Gewänder an, eilen durch endlose Gänge, wird Medizin gewogen, gekocht und serviert, und im Finale erleben die Schlangen im Palast eine unerhörte Kesselschlacht.

Sie ist Höhe- und Endpunkt des Machtkampfs, der beginnt, als sich, ungewöhnlich für eine Begrüßung, ein Sohn mit dem Vater mit dem Schwert rücksichtslos duelliert – wobei der Kaiser die ganze Zeit sitzt. Noch gewinnt der Alte. Herausragend.

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