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Politik Inland

„Das ist ganz großes Kino“

unserem Korrespondenten Franz Ludwig Averdunk

Berlin - Was immer sich An-gela Merkel zur Familienpolitik überlegt hatte: Mit einem einzigen Satz machte Gerhard Schröder sie mundtot. Seine Frau Doris lebe „das, was sie sagt, und das ist nicht zuletzt der Grund, weshalb ich sie liebe“, schmachtete er in die Kameras - TV-Duell am 4. September 2005.

„Das ist ganz großes Kino“, schwärmte ein Zuschauer im Studio, der es wissen musste: Regisseur Dieter Wedel. Die Frauen säßen auf dem Sofa neben ihren Männern und meinten: Könntest Du mir auch mal sagen.

Die Wahl ging bekanntlich für Merkel entschieden knapper aus, als sie sich das erhofft hatte. Ob das TV-Duell Anteil daran hatte, bleibt Spekulation. Wahlforscher gehen davon aus, dass es so sein könnte. Entsprechend groß die Nervosität in den Parteizentralen: Immer mehr Bürger legen sich immer später fest.

Die Ausgangslage vor dem Duell der Worte und Gesten am Sonntag ist für die Kanzlerin in einem Punkt beunruhigend: Ihre Wunsch-Konstellation Schwarz-Gelb hat in den Umfragen Federn gelassen. Beruhigend indes: Sie liegt auf der Beliebtheitsskala so weit vor ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier, dass sie sich ihres Oberwassers ziemlich sicher sein kann. Schließlich würden sich meist die jeweiligen Anhänger bestätigt sehen, sagt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen.

Überhaupt: Duell? Vielleicht eines mit Wattebäuschchen? Die beiden Kontrahenten ziehen schließlich die Bilanz einer gemeinsamen Regierungszeit. Die können beide nicht schlechtreden - höchstens eine starke schwarze oder rote Handschrift für sich reklamieren. Spannend ist das nicht. Schon vom Naturell her ist schwer vorstellbar, dass sich die zwei so richtig ereifern und fetzen.

Anders Schröder, der begnadete Politdarsteller - ob auf der Wahlkampfbühne, ob im Fernsehen. Nicht von ungefähr begann mit ihm die noch kurze Geschichte der deutschen Fernsehduelle. 2002 lästerte er so lange über den angeblich TV-feigen Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber, bis dieser sich gleich zwei Auftritte abnötigen ließ.

Ganz starre Regeln sollten den drögen Stoiber vor dem spontanen Schröder schützen. Ein Notar überwachte, dass das jeweilige Antwort-Limit von anderthalb Minuten nicht überschritten wurde. Dass höchstens zwei Nachfragen gestellt wurden.

„Stumpf ist Trumpf“: der heimliche Leitsatz aller Wahlkampfredenschreiber. Beim Wortwechsel im Fernsehen zieht das Rezept nicht. Da sind hoffentlich schon die fragenden Journalisten vor. Merkel und Steinmeier kommt das eher entgegen: Argumentieren ist beider Stärke. Fakten oder Faxen: Die Erwartungshaltung der gut und gerne 20 Millionen Zuschauer - etwa so viele waren es bei den früheren Fernsehduellen - ist durchaus unterschiedlich. Jung ist sich jedenfalls sicher: Viele wollten die Sendung nicht als Happening verstehen, sondern suchten nach Antworten.

Einer wird sich am Tag da-nach auf jeden Fall über den TV-Abend belustigen: FDP-Chef Guido Westerwelle. Nur das Duo in einer Sendung: Das frustet ihn. 2002 hatte er vergeblich gegen die Schröder­Stoiber-Show geklagt. Diesmal sind FDP, Grüne und Linke am Tag danach an der Reihe.

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