1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Das vergessene Europa

  6. >

Archiv

Das vergessene Europa

Dirk Anger

Bialystok. Nur noch wenige Kilometer sind es bis zur weißrussischen Grenze. Auf dem Weg dahin: viel Natur, gar Urwald, eine grüne Hölle. Irgendwo hier streift die letzte frei lebende Wisent-Herde Europas. Nicht weit davon beginnt das Reich des letzten Diktators Europas. So nennen seine Gegner den in Minsk fast allmächtig herrschenden Staatspräsidenten Alexander Lukaschenko. Und die sitzen insbesondere im ostpolnischen Bialystok.

Die knapp 300 000 Einwohner zählende Bezirkshauptstadt ist das Zentrum der weißrussischen Minderheit in Polen. Gleichzeitig die letzte Großstadt vor Weißrussland – eine Bastion der Freiheit am äußersten Rand der Europäischen Union. Dafür aber wirkt die Stadt 180 Kilometer nordöstlich von Warschau beinahe ein wenig verschlafen. Vielleicht auch vergessen – von Brüssel, von Europa.

Als vor sieben Monaten in Polen die Sektkorken knallten, die Zugehörigkeit zum Schengen-Raum ausweislose Reisefreiheit gen Westen garantierte, fühlten sich die Menschen in Bialystok wieder einmal ins Abseits gedrängt. Wie schon nach dem Zweiten Weltkrieg – „als das nächstgelegene Dorf jenseits der Grenze so unerreichbar war wie Wladiwostok“, sagt Eugeniusz Wappa, Vorsitzender der Weißrussischen Union Polens, dem Dachverband dieser Minderheit.

Damals sprachen die Menschen im Nordosten Polens vom Eisernen Vorhang zur Sowjetunion. Heute heißt er Papiervorhang – und trennt erneut. Denn ohne ein Visum soll die Außengrenze der sogenannten Festung Europa legal nicht mehr zu knacken sein. Das will der Schengen-Vertrag so. Ganz weit im Osten der EU, etwa in Bialystok, führt das aber zu neuen Problemen.

Denn die 60 Euro für ein Visum, sagt Wappa, könnten sich die meisten Bürger aus Weißrussland nicht leisten. Vor wenigen Monaten kostete die Einreiseerlaubnis nach Polen nur ein Viertel des Schengen-Tarifs. „Die in den letzten Jahren gewachsenen Kontakte nehmen Schaden“, so seine bittere Erkenntnis.

Doch das Problem liegt aus Wappas Sicht noch viel tiefer. Die Europäische Union müsse sich entscheiden: „Will man sich abkapseln und Weißrussland an Moskau verweisen?“ Schon heute, sagt der studierte Historiker, werde die durch den Schengen-Vertrag entstandene Situation in Minsk propagandistisch ausgeschlachtet: „Die EU will uns nicht“ – so lese Staatschef Lukaschenko den Schengen-Vertrag und rechtfertige damit die enge Anbindung seines Landes an Moskau. „Dabei ist die Opposition in Weißrussland pro-europäisch eingestellt“, betont Wappa.

Seinem Verband gehört eine Radiostation, finanziell maßgeblich unterstützt vom polnischen Staat. Seit kurzem sendet Radio Racja, was so viel wie Wahrheit bedeutet, auf UKW-Frequenz auch nach Weißrussland – und in der dort staatlicherseits geächteten weißrussischen Sprache, wie der 43-Jährige erzählt. Ob das Projekt allerdings im zweiten Anlauf erfolgreich ist, weiß er nicht. Aber für ihn noch dramatischer: „Europa weiß überhaupt nicht, wie es mit Weißrussland umgehen soll“, klagt Wappa ganz weit im Osten der EU.

Startseite