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Filmrezensionen

„Das weiße Band“: Das Dorf der Verdammten

Anfangs ist alles unauffällig, träge und behäbig im Dorf im Brandenburgischen nach der Jahrhundertwende. Michael Hanekes „Das weiße Band“, Gewinner der Goldenen Palme, fängt gemächlich an, flaniert von Hof zu Hof, bewegt sich unter Bauern, etabliert die Strukturen einer Gemeinde. Doch langsam kriecht der Schrecken ins Dorf, wie in einem Horrorfilm, in dem Monströses aus dem...

Hans Gerhold

Anfangs ist alles unauffällig, träge und behäbig im Dorf im Brandenburgischen nach der Jahrhundertwende. Michael Hanekes „Das weiße Band“, Gewinner der Goldenen Palme, fängt gemächlich an, flaniert von Hof zu Hof, bewegt sich unter Bauern, etabliert die Strukturen einer Gemeinde. Doch langsam kriecht der Schrecken ins Dorf, wie in einem Horrorfilm, in dem Monströses aus dem Alltag wächst.

Plötzlich stören Unglücksfälle die Ordnung, wird der langsame Gang der Dinge auf der Ebene zur Stolperfalle fürs Gemeinwesen. Der Dorfarzt wird beim Reiten schwer verletzt, eine Bäuerin kommt bei der Arbeit ums Leben, ein Junge wird vermöbelt, ein anderer im Wald misshandelt. Brandstiftung und Selbstmord bringen die Gewaltquote auf ein gefährliches Maß.

Aus der Sicht des Dorflehrers erzählt, entfaltet Haneke ein Psycho- und Soziogramm des Schreckens, bei dem Grausamkeiten und Brutalitäten das Zusammenleben definieren. Die Unfälle, zu Beginn wie Fremdkörper, sind Ausdruck dessen, was die Schicksalsgemeinschaft im Innersten zusammenhält. Aber die Geheimnisse werden nicht aufgelöst.

Man kennt das aus „Caché“, Hanekes letztem Film, wo die bürgerlichen Intellektuellen der Moderne als Schwächlinge seziert werden. In „Das weiße Band“ sieht er die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als Wurzel des Faschismus, eine Stimmung, auf deren Humus Hitler wuchs. Das muss man nicht unterschreiben, weil der Film es nicht wirklich nahelegt, dazu ist er zu vage.

Was der Film ist, geht aus den wunderbaren Schwarzweißbildern (Kamera: Christian Berger) hervor. Die schaffen eine subtile und spannungsvolle Ästhetik des undefinierten Schreckens, dessen Motor die permanent gemaßregelten, gedemütigten und gezüchtigten Kinder sind. Die haben frappante Ähnlichkeit mit den revoltierenden Kindern aus Wolf Rillas „Das Dorf der Verdammten“ (1959), wo sie eine britische Ortschaft übernehmen. Bei Haneke sind sie noch nicht soweit. Aber Gefahr ist im Verzug.

Sollte sich Haneke tatsächlich auf diesen Klassiker des Horrorfilms beziehen, benötigt er den Faschismus-Vorwurf gar nicht (abgesehen davon, dass der Gedanke der Revolte dem Totalitarismus widerspricht). Dann ist er Visionär dessen, was noch kommt. Und das ist viel beängstigender. Sehenswert.

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