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Politik Inland

Den Frust von der Seele reden

unserem Korrespondenten Michael Lehner

München - Trotz Missbrauchsdebatten und Abendmahl-Eklat endet der Ökumenische Kirchentag als Fest der Fröhlichkeit. Rund 300 000 Menschen haben mitgefeiert. Nur ein paar Kritiker finden die Freude übertrieben.

So entspannt wie in den Nächten des Kirchentags ist das U-Bahnfahren sonst nicht zu später Stunde. Keine Aggression, sogar die halbwüchsigen Vorstadt-Rambos halten an sich im Angesicht der Christen-Jugend. Und auch in den überfüllten Altstadt-Wirtshäusern geht es gesittet zu, irgendwie in guter Gesellschaft. Die Stadt ist sehr familiär geworden in diesen Tagen, und sehr friedlich.

Ganz entspannt geht es auch auf den gähnend leeren nächtlichen Stadt-Autobahnen zu, obwohl mindestens 100 000 auswärtige Gäste in München sind. Es ist auch ein Fest des öffentlichen Nahverkehrs, ein höchst lebendiger Beleg für die Kirchentags-Resolution, nicht auf immer mehr und immer schnellere Autos zu setzen, sondern auf die Eisenbahn. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hat auf einer KiTa-Podiumsdiskussion den meisten Beifall für die These bekommen, dass der ländliche Raum lebenswert bleiben müsse, um Landflucht und Pendlerfahrten einzugrenzen - und auch um die Kirche in den Dörfern zu lassen.

Wenn man so will, ist dies ein sehr „grüner“ Kirchentag. Ökologie, Verantwortung für die Schöpfung sind die Themen, bei denen sich die ganz normalen Teilnehmer den Frust von der Seele reden. Wie für Frauen im Priesteramt oder soziale Chancengleichheit, vor allem auch in den Schulen. Auf diesen Feldern passt wirklich kein Blatt Papier zwischen die Konfessionen. Beim Thema Frieden sowieso nicht. Wer über die christliche Bürgergesellschaft redet, muss solche Befindlichkeit aufmerksam registrieren. Die Menschen, die das U-Bahnfahren so angenehm machen, sind wohl mehrheitlich gegen Kernkraftwerke und für ein Tempo-Limit.

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx hat zum Ende des Mega-Treffens resümiert, dass Spiritualität das beherrschende Element gewesen sei. Er meint damit vor allem auch die Suche nach Gemeinschaft, nach Ökumene also. Spannend, dass hierfür die Orthodoxen den spirituellen Rahmen lieferten, als an die 20 000 Menschen aller Konfessionen an über 1000 (Biergarten-)Tischen auf dem Münchner Odeonsplatz griechisches Fladenbrot teilten. Kein Abendmahl im strengen Sinn, aber eines, das Menschen ganz nahe zueinander brachte.

In einem Hörsaal der Technischen Universität wurde auch ein Abendmahl für alle Konfessionen inszeniert, unter höchst konspirativen Umständen. Nur ganz wenige Journalisten bekamen den diskreten Tipp, dass Gotthold Hasenhüttl dort die Kommunion austeilen werde. Jener katholische Theologe, der nach dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin vom Priesteramt suspendiert wurde, weil er auch dort gegen das Verbot der Kommuniongemeinschaft verstieß. Exekutiert hat die Kirchenstrafe seinerzeit jener Reinhard Marx, der nun Gastgeber-Bischof in München ist. Es wird von Eklat geredet - wie nach den Sätzen, mit denen die protestantische Ex-Bischöfin Margot Käßmann die Verhütungs-Pille ein „Geschenk Gottes“ nannte, ausgerechnet im allerheiligsten Münchner Liebfrauendom.

Im „Weißen Bräuhaus“, einer Traditionswirtschaft nicht weit vom Dom, sind solche Eklats kein Thema. Die Jungen, die hier noch ein Bier trinken, bevor die Gemeinschaftsunterkünfte bald nach Mitternacht schließen, haben Hasenhüttl gar nicht mit bekommen; und Pillen-Diskussionen finden sie exotisch.

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