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Zukunft Münsterland

Den Kasper im Herzen

Barbara Maas

Münster - In der Küche des Charivari-Theaters sitzt Thomas Bohrer am Tisch und erledigt Geschäftskorrespondenz - mit dem Füller, in gestochener Handschrift, auf einem Briefbogen mit Kasper-Kopf. Neben der Teekanne steht ein Glas mit Pinseln. Handarbeit gehört im Puppentheater an der Körnerstraße in Münster zur Philosophie. Und das nicht nur, weil beim Spiel in jeder Puppe eine menschliche Hand steckt, entweder Bohrers oder die seines Partners Wilfried Plein. Die Bühne, die Kulissen, die Puppen - alles wurde von Handwerkern und Künstlern gemacht, mit Liebe zum Detail. Und auch das Charivari selbst ist ein Unikat in der Region: „Die festen Puppentheater in Deutschland kann man an einer Hand abzählen“, erklärt Bohrer, der von sich sagt, er stamme aus einer „Kasperfamilie“.

„Mein Großvater war schon Puppenspieler“, erzählt er. Neben der Eingangstür des Charivari-Theaters hängt sein Bild - natürlich mit einem Kasper. „Ich bin als Kind schon mit ihm mitgefahren, auf Tournee. Mit sechs Jahren habe ich mir so mein erstes Taschengeld verdient“, erinnert sich der 59-Jährige. Vor 30 Jahren gründete er mit Plein das Theater - zunächst ohne festen Sitz. „Wir haben die alte Volkskunst wieder aufleben lassen.“ Mit dem Nachlass des Großvaters fing alles an: Etwa 20 Figuren, ein paar Kulissen und die Bühne aus schwarzem Stoff, die noch immer im Theater steht. Seit 1987 laden Bohrer und Plein in den Räumen in der Körnerstraße Groß und Klein zum Kasperspiel ein. „Damals war das Kaspertheater tot. Und wenn es Kaspertheater gab, dann pädagogisch.“ Bohrer schüttelt der Kopf: „Der Kasper ist kein Pädagoge.“

Wenn er vom Kasper spricht, gerät Thomas Bohrer ins Schwärmen: Kasper sei frei, „ein bisschen Anarcho“, von den Obrigkeiten unbeeindruckt. „Hier kommt der Doktor, hier kommt der Bundeskanzler“ - das sei ihm völlig egal. „Für ihn zählt nur der Mensch. Er hat sich viel Kindheit bewahrt.“ Und er trage die Sonne im Herzen - egal, was gerade schiefläuft. „Kasper hat auch immer ein Ohr für die Sorgen kleiner Leute.“ Die Figur sei „kein Supermann, der alles regelt“, sagt Bohrer. Ein bisschen Kasper steckt wohl auch in Thomas Bohrer.

Seine Verwandlung in die Puppenfigur wird greifbar, wenn Bohrer um sich selbst tänzelnd demonstriert, wie er seinen Puppen Leben einhaucht. Denn es reicht nicht, nur den Arm zu bewegen. Wenn eine Figur auf der Bühne von rechts nach links hüpft, dann macht Thomas Bohrer das hinter dem Vorhang auch. Er spielt alle Charaktere in einem Stück allein, improvisiert viel. Mit jeder der rund 250 Figuren - Bohrer hat nie genau nachgezählt - hat er sich angefreundet, hat für sie eine Stimme erfunden, die er jederzeit abrufen kann. „Da muss man schon fit sein“, sagt er.

Das Kaspertheater, sagt Bohrer, entspreche der Seelenlandschaft jedes Menschen: „Der König, der Teufel, der Kasper, die Prinzessin - das sind anarchische Figuren, die jeder in sich trägt. Die Erwachsenen haben das vergessen, die haben sich blöd gebildet. Aber die Kinder, die wissen das.“

Spaß und Ernst liegen im Kaspertheater nah beieinander. „Kaspertheater ist eigentlich Erwachsenentheater, es ist politisch - lokal, national und international“, sagt Bohrer, den die Wirtschaftskrise nicht besonders interessiert: „Wir haben im letzten Jahr gut gelebt - und in diesem Jahr auch. Mehr will ich nicht.“ Die Pritsche, die der Kasper bei sich trägt, „die ist laut, tut aber nicht weh. Sie weckt die Lebensgeister.“ Manchmal wünscht sich Bohrer auch so eine - „wenn einer mal auf ne schräge Tour gekommen ist“, fügt er hinzu und lacht ein raues Kasper-Lachen.

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