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Der Asterix vom Teuto

Elmar Ries

Münster - Auf den heutigen Betrachter wirkt es fast schon putzig, wie sich die Germanen auf der Leinwand da in die große Schlacht gegen die Römer stürzen. Hier rutscht einer den Hang hinunter, dort fällt ein anderer unfreiwillig auf die Nase. Und zu allem Überfluss sind die germanischen Recken auch noch mit Helmen ausstaffiert, die eher an Asterix erinnern, denn an Arminius.

Sich der Historie nähern oder dem, was Kleist und Grabbe an Literarischem aus dem aufgeladenen Mythenstoff um die Schlacht am Teutoburger Wald gemacht haben, will Leo König 1922 nicht. Schließlich hatte der Regisseur, der zuvor am Düsseldorfer Schauspielhaus gearbeitet hat und später an der Bühne in Münster inszenieren sollte, bei seinem mit Pomp und Pathos gedrehten Film „Die Hermannschlacht“ ein politisches Ziel. Darum störten die Patzer nicht. „Das Werk, bei dem 1000 Statisten und 200 Pferde zum Einsatz kamen, war Propaganda pur“, sagt Dr. Volker Jakob vom LWL-Medienarchiv für Westfalen in Münster. Eine ins Historische projizierte tagespolitische Parabel mit klarer Botschaft: Hier das Beschwören der vaterländischen Einheit, dort der Kampf gegen die Franzosen - den damaligen Immerzufeind.

Aus Anlass des Varusjahres, in dem demnächst überall in Westfalen der sich zum 2000. Mal jährenden Schlacht gedacht wird, hat das Medi­enzentrum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe den historischen Film zu neuem Leben erweckt. „Wir wollen damit nicht ein zu Unrecht vergessenes Beispiel früher Filmkunst rehabilitieren, sondern auf die Verführungskraft hinweisen, die dem Medium zu allen Zeiten eigen war“, sagt Jakob.

Dabei ist die jüngere Geschichte des Filmes fast spannender als die seiner Entstehung. Anfang der 1990er Jahre hatte sich zufällig ein Kontakt zwischen Hobby-Filmern aus Detmold und dem nationalen Film-Archiv in Moskau ergeben. Wie es dazu kam, weiß letztlich niemand mehr. Jedenfalls waren die Archivare in Russland damals verrückt auf Hollywood-Filme. „So boten sie den Detmoldern im Tausch die ,Hermannschlacht an“, sagt Jakob. Irgendwie war eine Originalkopie in den Wirren des Zweiten Weltkrieges in russische Hände gelangt.

Das Medienzentrum hat viel Mühe darauf verwandt, den 55 Minuten langen Film wieder möglichst nah am Original zu rekonstruieren und seine Genese zu erforschen. So wurden die für Streifen aus dieser Zeit üblichen Texttafeln, die im Stummfilm die Sprache ersetzen, erneuert und die Szenen neu mit Musik unterlegt.

Jakob hat sich durch Stadtarchive gewühlt und durch alte Zeitungen geblättert, und den historischen Kontext wie ein Puzzle zusammensetzen können. So scheint es nicht ausgeschlossen zu sein, dass der schillernde Industriemagnat Hugo Stinnes die aufwändige Produktion höchstselbst in Auftrag gegeben und finanziert hat. Die Premiere war 1924 ein Erfolg - ein Jahr zuvor hatten die Franzosen das Ruhrgebiet besetzt: Im Beisein des abgedankten lippischen Fürsten Leopold IV. und seiner Entourage wurde der Film im Lan­destheater Detmold gezeigt. „Die lokale Presse berichtete damals, das Publikum habe nach jedem der fünf Akte begeistert applaudiert und am Ende die Nationalhymne angestimmt“, sagt Jakob. Die Propaganda hatte ihre Wirkung entfaltet.

Und die wirkt auf den heutigen Betrachter durchaus komisch. „Das liegt daran, dass wir versuchen, eine emotionale Botschaft von damals intellektuell zu erfassen“, sagt Jakob. Gleichwohl gelte es, „den Film davor zu schützen, lächerlich gemacht zu werden“.

Darum hat das Medienzentrum ein umfangreiches Booklet erar­beitet, das historische Bezüge herstellt, die Entstehungsgeschichte dokumentiert und den politischen Primat hervorhebt. Letztlich, erklärt Jakob, weise die ,Hermannschlacht mit ihrem falschen Pathos und ihrer überzogenen Theatralik vor allem darauf hin, wie „klein der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen sein kann“.

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