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MV Namensforscher

Der erste Heidergott hadert mit dem Schicksal

wn

Leser Norbert Heidergott aus Rheine hat festgestellt, dass viele Träger seines Familiennamens in Ostfriesland und nicht in der Heide leben, wie man vielleicht vermuten könnte. Diese Annahme verbindet den ersten Teil des Namens, Heider-, mit dem Wort Heide, was auf den ersten Blick auch naheliegend ist. Es bleibt aber unklar, was der Name dann bedeuten solle.

Die Familien Heidergott leben überwiegend in der nördlichen Hälfte Deutschlands, mit Schwerpunkten in drei recht weit auseinander liegenden Gebieten: im Landkreis Leer in Ostfriesland, im westfälischen Landkreis Lippe und im Landkreis Osterode am Harz. Die ältesten der wenigen historischen Belege kommen aus Thüringen und aus Lippe.

An ähnlichen Namen finden sich Hedergott, Heddergott und Hettergott. Hedergott und Heddergott haben ihre stärksten Zentren in den benachbarten Landkreisen Osterode am Harz (Niedersachsen) und Eichsfeld (Thüringen), aus dieser Region kommen auch die ältesten Namenbelege. Der heute in ganz verschiedenen Gegenden Deutschlands vorkommende Name Hettergott ist zuerst in Hessen und in Thüringen nachzuweisen. Von allen Namensformen scheint Heidergott die jüngste zu sein, für diese Annahme sprechen jedenfalls die verfügbaren Belege.

Diese Daten deuten auf ein Ursprungsgebiet im Raum Harz/Nordthüringen. Aus der Sprache dieser Region kann Heder-/Hedder- erklärt werden, es ist eine mundartliche Form von Hader bzw. vom Zeitwort hadern „streiten, sich beklagen, aufbegehren“. Der Name Hed(d)ergott ist einer der so genannten Satznamen, die immer eine Form eines Tätigkeitswortes enthalten. Diese Namen sind aufgrund ihrer Vielfalt besonders interessant, bei ihnen wurde dem ersten Namensträger eine Äußerung in den Mund gelegt, die sich auf irgendein Merkmal seines Verhaltens, seines Charakters oder seines Berufes bezog.

So wurde ein Verschwender Sparnicht („ich spare nicht“) genannt, ein Streitsüchtiger Hebenstreit („ich hebe den Streit an“) oder Makeprange („ich mache Ärger“, zu niederdeutsch prang „Ärger, Streit“), ein Säufer Störtebecker/Stürzenbecher („stürze den Becher“) oder Drinkuth/Trinkaus („trinke aus“), ein fauler Bauer Scheuenpflug („scheue den Pflug“), ein Barbier Scheerbarth („schere [den] Bart“), ein Müller Machemehl, ein Schmied Haueisen und viele andere mehr.

Der erste Hed(d)ergott erhielt von seinen Mitmenschen den Beinamen „(ich) hadere (mit) Gott“, weil er sich bei Gott beklagte oder weil er gegen Gott aufbegehrte. Was ihn dazu führte, ob er von Unglück, Pech oder Krankheit verfolgt war, wird sich kaum ermitteln lassen, es ist jedenfalls anzunehmen, dass er ein unzufriedener Mensch war, der Gott für sein Missgeschick verantwortlich machte und deswegen mit ihm haderte.

Bei der Umformung des irrigerweise als niederdeutsch empfundenen Namens Hedergott zu Heidergott wurde der Vokal -e- der ersten Silbe durch -ei- ersetzt, wie auch echt niederdeutsche Namen wie Mester, Sten, Schedeman zu Meister, Stein, Scheidemann verhochdeutscht wurden. Winfried Breidbach

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