1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Der Henker und seine Richter - Folterer vor Gericht

  6. >

Archiv

Der Henker und seine Richter - Folterer vor Gericht

wn

Phnom Penh - Mit versteinertem Gesicht sitzt der einstige Folterknecht vor seinen Richtern. Kaing Guek Eav (66), genannt Duch, der frühere Chefhenker des mörderischen Rote Khmer-Regimes in Kambodscha beugt sich vor, hört zu, schreibt mit.

Im Zuschauerraum hinter einer kugelsicheren Glasscheibe ringen zwei alte Männer um Fassung. „Die vielen ermordeten Kinder... die Massenmörder haben uns um die Zukunft gebracht“, murmelt einer und fährt sich aufgewühlt durch das schüttere Haar. Dann winkt er ab. Er will keine Sekunde des historischen Schauspiels verpassen, das vor seinen Augen beginnt. Mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Gewaltorgien der Rote-Khmer-Fanatiker hat gestern um 9.02 Uhr Ortszeit die juristische Aufarbeitung der Geschichte begonnen.

Rund 1000 Zuschauer, Opfer, Prozessbeobachter und Reporter sind in das Völkermord-Tribunal außerhalb von Phom Penh geströmt. „Mit diesem Auftakt beginnen endlich die Prozesse, die zu einem Ende der Straflosigkeit für dieses grausame Regime führen“, sagte der deutsche Staatsanwalt Jürgen Aßmann, der der kambodschanischen Chefanklägerin Chea Leang assistiert.

Hier sollen die Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesühnt werden, die die Roten Khmer in ihrem Wahn von 1975 bis 1979 begingen. Sie wollten eine Agrar-Utopie und mordeten dafür. Hunderttausende verreckten bei Fronarbeit auf Feldern oder verhungerten - zwei Millionen Menschen kamen insgesamt um.

Duch leitete das berüchtigtste Folterzentrum Tuol Sleng, „S21“ genannt. Der frühere Lehrer mit dem damals aufbrausenden Temperament soll viele Folterungen persönlich überwacht haben. Heute sitzt der Mann mit dem grauen Haar im hellblauen Hemd mit offenem Kragen rechts in der zweiten Reihe hinter seinem französischen Verteidiger, gegenüber den Anklägern in lila Roben und weißem Beffchen.

In der Mitte des Saales und erhöht präsidieren fünf Richter in Rot - drei Kambodschaner, ein Franzose und eine Neuseeländerin - über das Geschehen. Duch verzieht keine Miene. Er ist wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Zunächst geht es um Formalien. Die Eröffnungsplädoyers kommen erst in ein paar Wochen, doch ist die Spannung mit Händen zu greifen.

Der Prozess gegen Duch gilt als leichtes Spiel. Der Mann ist geständig und will seine Strafe akzeptieren. Spannend wird es allerdings bei den folgenden Prozessen: Duchs Zellennachbarn sind die vier noch lebenden Mitglieder des Führungszirkels um Pol Pot, darunter dessen Stellvertreter Nuon Chea, der damalige Außenminister Ieng Sary und dessen Frau, Sozialministerin Ieng Thirith, sowie der ehemalige Staatschef Khieu Samphan.

Startseite