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Baegert-Altar Texte

Der Mann ist das Problem (Folge 4)

Gerhard H. Kock

Münster - Die dritte Tafel des Marienzyklus thematisiert ein überaus heikles Thema - damals wie heute: die Jungfrau Maria mit einem Mann verbunden. Um den Gläubigen das Glauben an das wundersame Wirken Gottes auf Erden etwas zu erleichtern, eilten zahlreiche Legenden zu Hilfe. Sie behandelten vor allem ein Problem: den Mann.

Maria ist nicht nur eine Heilige, sondern war mit Sicherheit auch eine wunderbare Frau. Und Baegert zeigt sie so: jung, schön und anmutig, darüber hinaus eine Tochter aus reichem Hause, wie Gewand und Geschmeide andeuten. Warum will so ein liebliches Geschöpf einen solch misanthropischen Greis ehelichen? „Alter Knacker heiratet junges Blut“ - das ist heutzutage nur aus der Glitzerwelt bekannt. Aber das Metaphysische im Allgemeinen und das Mittelalter im Besonderen haben andere Gesetze.

Bekanntermaßen hatte Gott mit Maria Besonderes vor. Sie sollte als Inbegriff der Tugendhaftigkeit den Sohn Gottes das Leben schenken. An sich kein Problem. Aber als allein erziehende Mutter? Undenkbar damals. Ein fürsorglicher Versorger musste her. Aber ein Mann ohne Zeugungswillen? Undenkbar damals. Weil Gottes Willen auf Erden plausibel vermittelt werden musste, haben sich vor allem die nicht in die Bibel aufgenommenen apokryphen Schriften viel Mühe gegeben.

Baegerts Bild „Marias Vermählung“ erzählt die Geschichte: Maria musste mit Eintreten der Geschlechtsreife den Tempel verlassen. Daher wurde dort ein Mann für sie ausgesucht. Zwölf Männer, zwölf Holzstäbe, und Gott sollte entscheiden. Am Stab des Josef zeigte sich ein Wunder. Baegert lässt ihn ergrünen und erblühen wie eine Lilie, Zeichen der Jungfräulichkeit - der „Josefsehe“, einer Ehe ohne Geschlechtsverkehr. Josef soll Witwer gewesen sein und alt und bereits Kinder gehabt haben. Das machte es leichter zu glauben, dass dieser Mann sich nicht vom Weiblichen verführen lassen würde. Männer und keusch? Das ging gar nicht. Bei Frauen war das natürlich kein Problem. Von der Natur der Frau verstand der Mann des Mittelalters nicht viel und wollte es vermutlich auch nicht wissen.

Ob Maria und Josef verheiratet oder nur verlobt waren, darüber streiten sich Theologen. Bei Baegert segnet der bischofartige Hohepriester das Paar wie heutzutage noch oft zu sehen durch Umwinden der Hände mit der Stola. Der Ritus findet draußen statt wie Steine, Schmutz und Knochen zeigen sollen - „dekorativ“ platziert. Der Akt hat den Charakter einer öffentlichen Bekanntmachung.

Die „Vermählung“ wirkt heute wie eine christliche Eheschließung. Der jüdische Priester ist mit Mitra, Mantel und Stola stark an die Ästhetik eines katholischen Bischofs angelehnt. Schließlich kannte Baegert zwar seine Geistlichkeit, hatte aber keinen Einblick ins zeremonielle Leben der jüdischen Gemeinschaft. Also lehnte er die Ausstattung des Hohepriesters an die eines christlichen Bischofs an. Doch der damalige Betrachter kannte das Aussehen seiner Oberhirten ganz genau, sodass ihm die Unterschiede sofort aufgefallen sein dürften.

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