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Forschen & Heilen

„Der Mann ist ein Zauberer“

Stefan Werding

Allein schon das Wort. Klumpfuß. Das klingt, wie es ist. Klumpen, damit wird sonst Lehm, wenn es gut läuft, Ackerboden bezeichnet. Das lateinische pes equinovarus („Pferdefuß“) macht es auch nicht besser. Schonungslos beschreibt das Wort das, womit Tim auf die Welt gekommen ist: eine Deformation seiner Füße, die so stark ist, dass er auf seinem Fußrücken herumhumpeln müsste.

Ab und zu sieht man noch diese schweren Lederschuhe an alten Menschen, in denen man solche Füße vermutet und in denen sie sich schwerfällig und mühsam ihren Weg bahnen.

Tims Eltern müssen diese Sorge nicht haben. Privatdozent Dr. Robert Rödl behandelt solche Füße. Der Chefarzt für Kinderorthopädie therapiert jedes Jahr etwa 30 solcher Behinderungen. Und für einen Arzt, der sonst Beine verlängert, Hüften repariert oder Knochen züchtet, sind Klumpfüße eine angenehme Aufgabe, denn: Sie lassen sich heilen. „Das ist eine Freude für einen Arzt“, sagt er. „Ich kann den Eltern eine sehr gute Therapie anbieten.“ Kinder, die mit einem Klumpfuß zur Welt kommen, werden vielleicht keine 100 Meter mehr in 9,8 Sekunden laufen. Aber er verspricht die problemlose Teilnahme am Schulsport und die Möglichkeit, Konfektionsschuhe zu tragen. „Das ist ein richtig geheilter Fuß, der einen prima durchs Leben tragen kann.“

Mittlerweile lässt sich schon beim Ultraschall während der Schwangerschaft erkennen, ob ein Kind solche Füße hat. Tims Mutter hat es in der 20. Woche in der Klinik erfahren und ist gleich runter zu den Orthopäden geschickt worden, die sie beruhigt und ihr erklärt haben, dass Heilung möglich ist. „Natürlich war das ein großer Schreck“, sagt die Mutter aus dem Münsterland zu der Diagnose. Aber das hat sich schnell gelegt.

Rödl kann viele Schauergeschichten erzählen über Füße, die früher nicht nur ge-, sondern zerbrochen wurden - mit Geräten, die an Schraubstöcke in Werkkellern und Garagen erinnern. Narkose gab es zu der Zeit natürlich keine - aber ein Leidensdruck, der die Angst überwinden half, sich in solche Geräte einklemmen zu lassen. Noch bis vor zehn Jahren hat Rödl selbst Füße entlang der Sohle großflächig aufgeschnitten, um die Knochen einzeln an die richtige Position zu bringen.

Heute fließt bei seiner Behandlung so gut wie kein Blut mehr. Möglichst schnell nach der Geburt - bei Tim war es zwei Tage danach - gipst er die Beine der Kinder von den Zehen bis zum Oberschenkel ein. Dabei dreht er den Fuß aus der extremen Stellung nach innen langsam in die Position zurück, in die er eigentlich gehört. Das Prinzip ist das gleiche wie eine Zahnspange, die die Zähne in die richtige Position zwingt.

Rödl behauptet nicht, dass das für die Kinder ein Vergnügen ist. „Die ersten zwei, drei Tage sind richtig schlimm“, sagt er über die Reaktion der Babys. Tims Mutter beschreibt es so: „Wir hatten schon schwierige Stunden.“

Eine Woche später tauschen Rödl und seine Ärzte den Gips gegen einen neuen aus, um weiteren Druck auf den Fuß auszuüben. „Das ist ein Zauberer“, sagt Tims Mutter über Rödls Gipskünste. Kein einziges Mal hat sie an den Beinen ihres Sohnes eine Druckstelle entdeckt. Nach dem vierten Gips muss der Arzt die verkürzte Achillessehne des Kindes trennen. „Das ist ein drei Millimeter langer Schnitt“, sagt Robert Rödl. Für den 43-Jährigen also fast nichts. Das sei der einzige operative Anteil an der Behandlung - und hinterlasse keine Spuren. Durch das „hohe reparative Vermögen“ des jungen Körpers flickt sich die Achillessehne selber, wächst wieder an die Position, in die sie gehört. „Bei kleinen Kindern heilt alles wie verrückt“, erklärt der Arzt.

Eigentlich ist es nie zu spät. -Dr. Robert Rödl

Je jünger die Kinder, desto besser. „Wir wollen damit fertig sein, wenn das Kind anfängt zu krabbeln. Es ist ja blöd, wenn man mit zwei Gipsbeinen anfangen soll, sich zu bewegen.“ Aber auch wenn die Behandlung später beginnt: „Eigentlich ist es nie zu spät.“

Nach fünf Gipsen folgt der nächste Schritt. Das Kind muss drei Monate eine Schiene tragen - zwei Sandalen, die auf einer Leiste fixiert sind und seine Füße daran hindern, in ihre ursprüngliche Fehlhaltung zurückzukehren. „Der Fuß will ein Klumpfuß sein“, erklärt Rödl. Durch einen Gendefekt bekommt der Fuß den Befehl, sich immer wieder in seine Ausgangsposition zurückzuentwickeln. Diesen Willen muss der Arzt brechen.

Tim stört die Schiene nicht besonders, glaubt seine Mutter. Die ersten drei Monate trug er die Schiene 23 Stunden am Tag, seitdem nur noch nachts. Wenn er damit auf dem Boden liegt, sind die Sandalen mit ihren Schnallen ein lieb gewonnenes Spielzeug. Und: „Er kennt es ja auch nicht anders.“ Das wird er noch bis zu seinem fünften Lebensjahr ertragen müssen. Dann bleiben - wenn alles nach Plan läuft - die Füße da, wo sie hin sollen.

Nach ihren verschiedenen Besuchen in der Uniklinik würde Tims Mutter ihr Kind ohnehin nicht mehr als krank bezeichnen.

Im Vergleich zu den Problemen, mit denen andere Eltern in die Kinderorthopädie kommen, sei ein Klumpfuß nichts. Trotzdem möchte sie lieber unerkannt bleiben. Zwar will sie nichts vertuschen und hat mit allen, die sie kennt, über Tims Probleme gesprochen. „Aber ich habe Angst, dass die Leute das Kind krank reden“, sagt sie. Dass sie von Tim als dem Jungen mit den Klumpfüßen reden. Obwohl er gar keine mehr hat.

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