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Der neue Star heißt „Gerdus Linemann“

Alexander Heflik

Dortmund - Und da tauchte urplötzlich der neue Star von Team Milram auf, diesen Namen hatte keiner auf der Rechnung. Bäng, eine Sensation. „Gerdus Linemann“, kündigte Team-Manager Gerry van Gerwen frohgelaunt und etwas übermütig an. Neuanfang im Radsport mit einem gänzlich unbekannten Fahrer.

Weder das eine noch das andere, die Illusion platzte im nächsten Moment, schließlich war „nur“ Linus Gerdemann gemeint und auch der Radsport versucht sich an einem weiteren Reha-Jahr auf dem Weg aus der Dopingkrise. Team Milram ist das letzte verbliebene Weltklasse-Team mit deutschen Wurzeln, Dortmund wird die Basis sein, hier wurde der Rennstall am Mittwoch vorgestellt.

Milram und der Radsport ist aber keine sattelfeste Beziehung. „Unsere Grundlage ist ein Zwei-Jahres-Vertrag bis Ende 2010“, findet van Gerwen an dieser Stelle klare Worte, hier gab es keinen Versprecher. Für die Vorstandsetage dozierte Marketingchef Claus-Peter Fischer über zweistellige Wachstumsraten im werberelevanten Bereich des Bekanntheitsgrads seit Beginn des Engagements seit 2005. Und fügte an: „Wenn einer dopt, der fliegt. Ist es eine größere Sache, muss man auch das Engagement überdenken.“

Standardrhetorik von Geldgebern im Radsport, die Hintertür bleibt – natürlich – offen für einen Rückzug. Die dramatischen und für den deutschen Radsport traumatischen Entwicklungen bei T-Mobile Team und auch die Dopingfälle bei Gerolsteiner im Vorjahr um Stefan Schumacher und Bernhard Kohl mahnen zu solcher Vorsicht.

Team Milram unterwirft sich in der Zukunft den Reglements der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada sowie dem Radsport-Weltverband. Zudem müssen sich die 25 Fahrer, 17 davon kommen aus Deutschland, DNA-Tests unterziehen und Blutprofile beim dänischen Blutdopingspezialisten Rasmus Damsgaard hinterlegen und testen lassen. Saubere Leistung, saubere Produkte, frische Milch – so oder so ähnlich soll die Botschaft lauten.

Der vorläufige Rennplan sieht 280 Renntage vor, 25 Saisonsiege hat der Teamchef als Prämisse den Pedaleuren auf den Weg gegeben. Vieles dreht sich dabei um Gerdemann und Sprinter Gerald Ciolek. Gebetsmühlenartig erklärt der Teamchef dieses Duo zu den „Stars“ der Equipe, alle anderen hätten sich diesem Diktat zu beugen. Was aber nicht ganz für Fabian Wegmann, zweiter Münsteraner neben Gerdemann, gilt. Sieben Jahre war der Deutsche Meister bei Gerolsteiner als Profi aktiv, nun führt er die blau-weiß gewandeten Radler als alleiniger Kapitän in die Ardennen-Klassiker, die zentralen Eintagesrennen des Frühjahrs. „Meine Nische“, sagt der 28-Jährige.

„Er kann ins Gelbe Trikot fahren“, glaubt der Sportliche Leiter Christian Henn, und meint Gerdemann. Der Gewinner der Deutschland-Tour traut sich selbst einen Top-Ten-Rang zu. Einem Scharmützel im Vorfeld mit Lance Armstrong zum Beispiel will der 26 Jahre alte Westfale allerdings aus dem Weg gehen: „Ich bin nicht die urteilende Instanz, ob ein Fahrer, der sieben Mal die Tour gewonnen hat und nach drei Jahren Pause eine Comeback plant, starten soll oder nicht.“

Er, der mittlerweile im Nebenjob als Medienprofi agiert und soetwas wie das Sprachrohr seines Sports geworden ist, bietet keine Angriffsfläche. Nur eines noch, so Gerdemann: „Es wird schwer genug, hundertprozentig fit am Start der Tour zu stehen. Und wenn meine Form dann stimmt, freue ich mich über jeden Fahrer, den ich hinter mir lassen kann.“ Namen sind wohl doch irgendwie Schall und Rauch.

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