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Aus Frankreich berichtet unser Sportredakteur Alexander Heflik

Der nun fleißige Heinrich – Hausslers Sieg in der Kälte

wn

Colmar - Eigentlich sollte Heinrich Haussler die Tour de France nicht fahren. Sie ist größtenteils ein Radrennen, geprägt von großer Hitze. Die Sonne ist ein steter Begleiter durch Frankeich. Am Freitag allerdings schlug das Wetter um, tags zuvor war das Thermometer im Zielort Vittel auf 35 Grad geklettert. Keine 24 Stunden später hatte es Mühe, zweistellige Gradwerte auf den Passhöhen der Vogesen zu erreichen. Garniert wurde die 12. Etappe von Dauerregen. Eine Wendung des Schicksals. „Das gefiel mir“, freundete sich Haussler als einer der wenigen Fahrer mit den rauhen Gegebenheiten an – und gewann am Ende den Tagesabschnitt.

„Als ich ihn am Start in kurz-kurz gesehen habe, wusste ich, dass es sein Tag wird“, meinte Fabian Wegmann. Der zweifache Deutsche Meister von Team Milram bildet gemeinsam mit dem Profi von Cervelo Test Team sowie Johannes Fröhlinger, Matthias Rust und der mehrfachen Weltmeisterin Hanka Kupfernagel eine Art Trainingsgemeinschaft in Freiburg. Er wunderte sich schon häufiger im Winter, wenn Haussler in leichter Kleidung zum Treffpunkt erschien. Wegmann: „Er hatte in Vittel keine Regenjacke an, keine Handschuhe, keine Armlinge, nichts aus einer kurzen Hose und einem Kurzarmshirt. Er ist ein Kältefahrer.“

Der Mann, der wohl am liebsten im Kühlschrank Radfahren würde, ist dabei in einer heißen Region dieser Welt geboren. In Inverell in New South Wales wuchs der Sohn eines Deutschen und einer australischen Mutter auf, er berichtet auf seiner Homepage vom entspannten Plantschen im eigenen Pool bei unglaublicher Hitze. Mit 14 Jahren, auf Empfehlung von Oliver Muscharek, fand er Aufnahme auf dem Sportinternat in Cottbus. Er wolle Radprofi werden, das lerne man am besten auf dem alten Kontinent. Dank des deutschen Passes zog der junge Heinrich aus. Hier fand er auch Trainer Michael Max, er ist bis heute der Übungsleiter des 25-Jährigen.

Hausslers Profikarriere kam tatsächlich schnell in Gang. Vier Saisons stand er ab 2005 bei Gerolsteiner unter Vertrag, eine nicht immer einfache Beziehung. Haussler galt als Supertalent mit Hang zur Leichtlebigkeit, ihm fehlte die letzte Konsequenz. Noch heute spricht er gut über Teamchef Hans-Michael Holzcer, eigentlich. Aber er fühlte sich gegängelt, weil Holczer Wert auf den Einsatz seines deutschen Fahrers im deutschen Nationaldress legte.

Aber Haussler, ein junger Twen halt auch, lebte nicht professionell, ihm fielen viele Dinge leicht, aber die letzte Konsequenz fehlte. Zwar gewann er gleich im ersten Profijahr eine Etappe bei der Spanien-Rundfahrt, doch nach vier Jahren Gerolsteiner standen gerade einmal neun Siege in seinem Stammbuch. Er hatte seinen Weg noch nicht gefunden, blieb hinter seinen Erwartungen zurück.

Erst Ende der letzten Saison bekam er die Kurve, trainierte konsequent und ohne willkürliche Pausen. Vielleicht auch, weil der Rennstall Gerolsteiner dicht machte und es nicht gerade Angebote hagelte für den wankelmütigen Haussler. Bei Cervelo Test Team, im Schatten von Tour-France-Sieger Carlos Sastre, fand er Unterschlupf. Vielleicht steckte ihn auch die Akribie des Spaniers, in seiner Heimat „Meister Propper“ aufgrund fehlender Dopingverdachte genannt, an.

Mit 25 Jahren hatte Haussler seinen Weg gefunden. Fünf Saisonsiege stehen schon zu Buche, dazu die herausragenden zweiten Ränge bei den Klassikern Mailand – San Remo und Flandern-Rundfahrt, beim archaischen Paris-Roubaix war er in den Top Ten, zwischenzeitlich Weltranglistenerster. „Das gab mir die Sicherheit, dass ich schwere Rennen gewinnen kann. Dabei hatte ich bei dieser Tour genug zu tun, um mich zielgerecht auf Freitag vorzubereiten. Zum Beispiel als Thor Hushovd das Grüne Trikot hatte und ich ihm die Sprints vorbereitet habe. Oder um Carlos als Klassementfahrer kümmern.“

Am Freitag folgten Taten, als er 195 von 200 km von Vittel nach Colmar vor dem Feld fuhr, die letzten 50 km davon als Solist. Es war ein Heimspiel, schließlich wohnt er während des Rennjahres in Freiburg. Das Wetter spielte mit, denn die Verfolger riskierten bei den Abfahrten nur wenig, aber Haussler hatte seinen Tag.

Am Ende hatte er alle und allen Ballast abgeschüttelt. Er weinte auf der Zielgerade, wo sonst euphorischer Jubel Programm ist. „Mir ging so viel durch den Kopf. Am Ende bin ich fast verrückt geworden, deshalb ließ ich meinen Tränen freien Lauf.“ Der erste deutsche Etappensieg der 96. Tour de France war perfekt.

Haussler und der deutsche Radsport werden aber bald getrennte Wege gehen. „Ich fühle mich mehr als Australier. Natürlich mag ich es auch in Deutschland, aber meine Familie, viele Freunde sind in Australien. Mir gefällt auch der lockere Lebensstil“, sagt er. Es ist die offizielle Antwort auf die Frage, warum er ab der nächsten Saison das australische Nationaltrikot tragen wird. Die Konkurrenz ist nicht kleiner als in Deutschland.

Aber Haussler umschifft dabei wenig galant das Beziehungsgeflecht zwischen Radsport in Deutschland und Doping sowie den nationalen Akteuren. Aus Teamkreisen war zu hören, dass er die permanent negative Stimmung in Deutschland leid sei. Ihm fehlt wohl auch der Respekt. Er selbst hatte sich klar zur Dopingdiskussion sowie den Gerolsteiner-Affären um Stefan Schumacher und Bernhard Kohl wie auch Davide Rebellin geäußert. Diese Fahrer gehörten aus seiner Sicht ins Gefängnis, Betrüger seien sie. Er stehe für einen sauberen Radsport.

Man kann das so und so sehen. Als Flucht vor der Realität, nach dem Weg des geringeren Widerstandes für Haussler. Oder man glaubt ihm einfach, dass Australien, das Land in dem er die ersten 14 Jahre als Junge verbachte, näher ist. Er hatte elf Jahre Zeit zu vergleichen. Die Entscheidung ist gefallen, bereits vor dem Triumph in Colmar.

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