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Kulturlaub

Der Philosoph in der Hütte

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Todtnauberg - Mit Wandern und Skifahren alleine kann man heute nicht mehr jeden Touristen beglücken. Kulturelle Sahnehäppchen müssen her, damit auch der Geist etwas Nahrhaftes bekommt. Wagrain im Salzburger Land hat den Schriftsteller Karl-Heinrich Waggerl. Bad Saarow am Scharmützelsee bietet Sportgeschichte mit Max Schmeling. Auf dem Brocken im Harz ist man mit Goethe in guter Gesellschaft.

Hier und heute befinden wir uns in Todtnauberg, einem kleinen Nest in über 1000 Metern Höhe, acht Kilometer vor dem Feldberg im Südschwarzwald gelegen. Hier ist eine kleine, unscheinbare und neuerdings mit leuchtend gelben Schindeln verkleidete Hütte der Pilgerort für Denker und Dichter. Die Hütte unterhalb des Berges Stübenwasen, von Kuhwiesen umgeben, gehört bis heute den Nachkommen der Familie Heidegger. Es ist die Hütte, in der Martin Heidegger, einer der großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, über „Sein und Zeit“ nachgrübelte.

Selbst schlaueste Denker verstehen nicht so ganz, worum es bei Heidegger geht. Nur so viel: Wie viele andere Philosophen dachte Heidegger darüber nach, was eigentlich das „Sein“ ist. Die philosophischen Vorurteile prägen nach Heidegger nicht nur die gesamte abendländische Geistesgeschichte, sondern bestimmen auch das alltägliche Selbst- und Weltverständnis. Mit seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ sollte daher auch eine neue Form des authentischen Lebens gefunden werden, welches Heidegger als „Eigentlichkeit“ bezeichnete.

Offenbar hat es den Philosophen auf seiner Suche nach Authentizität und Einfachheit nach Todtnauberg gezogen - in die Hütte, die anfangs weder Strom noch warmes Wasser hatte. Hierhin kam Heidegger auf Anregung seiner Frau Elfride, die den Ort von einem Skiurlaub her kannte und hier ein Grundstück erwarb. Die Hütte war im August 1922 bezugsfertig. Die Ruhe und Einfachheit des nur einige Hundert Einwohner fassenden Bergdorfes gaben Martin Heidegger jene willkommene Atmosphäre, die ihn denken und schreiben ließ. Es war der Kontrast zu seinem akademischen Leben in Freiburg.

Seit kurzer Zeit hat Todtnauberg einen Panorama-Rundweg eingerichtet, auf dem der Wanderer, fast immer mit Blick auf die Hütte, die Lebens- und Gedankenwelt Heideggers erkunden kann. Schrifttafeln und Fotos erzählen sein Leben nach. Die Hütte selber ist nicht zugänglich, da sie sich noch im Familienbesitz befindet und auch wohl noch genutzt wird.

Wenn Heidegger Freiburg verließ und ins gut 35 Kilometer entfernte Todtnauberg fuhr, trug er „einfache Kluft“ und auch ein kleines Strickmützchen. Die Genügsamkeit der Leute und ihr einfaches Leben kamen seiner Philoso­phie vom Sein nahe. Urwüchsigkeit und die Ursprünglichkeit der Natur zogen Heidegger an. Die ganze Familie verbrachte einen Großteil des Jahres auf der Hütte. An Schulferien war die Familie in den ersten Jahren nicht gebunden, da Elfride als ausgebildete Lehrerin ihre zwei Kinder zunächst selbst unterrichtete. Der ältere Sohn Jörg besuchte zeitweise die Volksschule in Todtnauberg.

Wenn Heidegger Ruhe zum Schreiben brauchte, mietete er zuweilen auch ein Zimmer im Altenteil im Bühlhof bei Brenders im Ortsteil Rütte. 1966 hielt Heidegger die Festansprache beim Heimatfest in Todtnauberg. Überlegungen, ihn zum Ehrenbürger des Dorfes zu machen, verliefen im Sande. Man befürchtete endlose öffentliche Diskussionen. Denn Heidegger stand der nationalsozialistischen Machtübernahme anfangs positiv gegenüber. Freilich bemerkte er seinen Irrtum schon 1933/34 und geriet dann als Akademiker und Rektor der Freiburger Universität mit seinen Personalentscheidungen in Konflikt mit den NS-Machthabern.

Noch etwas zur Hütte, die ja nicht besichtigt werden kann: Das schlichte Äußere setzt sich im Inneren fort, wie es in einem Faltblatt zum Heidegger-Weg heißt. Das modernste Ausstattungsstück ist ein kleines Radio, das sich Heidegger 1962 anschaffte, um Nachrichten über die Kubakrise zu hören. Quellwasser wurde aus dem Brunnen geschöpft. 1931 wurde ein Stromkabel gelegt. Seit 1928 besaßen die Heideggers als Erstwohnsitz ein Haus in Freiburg. Todtnauberg hat viele große Dichter, Wissenschaftler und Denker gesehen. Der Philosoph Hans Georg Gadamer, der Theologe Rudolf Bultmann, der Physiker Werner Heisenberg, der Dichter Paul Celan oder der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein waren in Heideggers Hütte zu Gast. Mit Literaturtagen knüpft das schöne Dorf an diese kulturelle Tradition an.

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