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Der politische Kunstschreiber - Literaturnobelpreis für Mario Vargas Llosa

unserem Redaktionsmitglied Harald Suerland

Münster - Jahr für Jahr erfreuen die Spekulationen um den Literatur-Nobelpreis die Leser, Verleger und Autoren. Und immer wieder ist von jenen Autoren die Rede, die ihn längst schon verdient hätten. Philip Roth gehört dazu, immer wieder wird Bob Dylan als chancenreicher Außenseiter genannt. Den Peruaner Mario Vargas Llosa hingegen hatte man mittlerweile schon fast nicht mehr auf der Rechnung. Nun aber hat er´s geschafft.

Nimmt man die gestern veröffentlichten Reaktionen, so ist Vargas Llosa ein Autor, mit dem das Nobelpreis-Komitee nichts falsch machen konnte. „Wir sind alle im Glück“, triumphierte - verständlicherweise - Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkèwicz, und Marcel Reich-Ranicki ließ sich gar zu der Bewertung hinreißen, das Votum der Stockholmer Jury sei „gar nicht so dumm“, denn Vargas Llosa sei „ein Schriftsteller mit Fantasie und Realismus, mit Gefühl für die Figuren. Und er ist sehr gut lesbar.“ Das ist, verglichen mit seiner Nicht-Reaktion auf Vorjahres-Preisträgerin Herta Müllern, geradezu ein Ritterschlag des Kritikers.

Die Entscheidung dieses Jahres werde ganz bestimmt keinen Anlass zu Reue geben, orakelte Akademie-Chef Peter Englund kurz vor der Bekanntgabe nach Angaben der Deutschen Presseagentur. Tatsächlich fiel das internationale Urteil sehr schnell und einhellig positiv aus. Als im letzten Jahr der Name Herta Müller fiel, kam vor allem aus den USA die Rückfrage „Herta who?“. Darauf folgte zum Teil bissige Kritik.

So oft man über den Nobelpreis diskutiert, so gern werden Vergleiche zwischen Preisträgern und leer ausgegangenen Autoren angestellt. Marcel Proust etwa hat nie den Nobelpreis erhalten, Hermann Hesse hingegen bekam ihn. Kein Preis für Virginia Woolf, stattdessen für ihren Landsmann John Galsworthy. Und hat Rainer Maria Rilke den Preis weniger verdient als Paul Heyse? Was ist überhaupt mit Franz Kafka?

Kein Zweifel, die Jury ist um ihre Aufgabe nicht zu beneiden, zumal sie die meisten Werke ja „nur“ in Übersetzungen kennenlernen kann. So verwundert es nicht, dass sie mal experimentierfreudig bis waghalsig agiert und zum Beispiel den clownesken Dario Fo oder die radikale Elfriede Jelinek auszeichnet, dann wieder auf Nummer sicher geht und zur imaginären Warteliste greift - wie es ja auch bei Günter Grass der Fall war, der 40 Jahre nach der „Blechtrommel“ die Auszeichnung erhielt. Vargas Llosas hoch gerühmtes Buch „Die Stadt und die Hunde“ liegt sogar schon mehr als 40 Jahre zurück.

Spekuliert worden war, ob in diesem Jahr nicht ein Lyriker an der Reihe wäre, vielleicht aus Kenia oder aus Schweden. Aber nein, die Jury wählte einen Erzähler und Romancier, einen politisch engagierten Kunstschreiber mit imposantem Lebenswerk. Die sensiblen Lyriker müssen erneut warten.

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