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Der Streik und der Müll in Ahlen: Am Tor entlädt sich die ganze Wut

Ulrich Gösmann

Ahlen - Explosive Stimmung am Donnerstag vor den verschlossenen Toren der Ahlener Umweltbetriebe. Weil Bürger ihren Müll nicht loswerden, entledigen sie sich zumindest ihrer Wut. Sei es mit - teils vulgären - Worten, oder mit eindeutiger Fingersprache. Den „Schongang“, den „Verdi“ mit dem ersten landesweiten Streiktag im öffentlichen Dienst auch in Ahlen einlegen wollte, bringt viele regelrecht in Fahrt. Sie sind auf „100“!

Ein Satz, der am Morgen über den Lokalsender in die Haushalte funkt, macht aus einem Ärgernis ein regelrechtes Chaos. Da die Müllabfuhr in Ahlen streike, können Bürger ihren Müll zum Recyclinghof bringen, heißt es kurz und bündig. Gehört, getan: Die Lawine setzt sich in Gang. Im Minutentakt halten vollgepackte Fahrzeuge vor der Annahmestelle. Doch die hat geschlossen. Der Betrieb ruht, während ein Großteil der Belegschaft mit „Verdi“ nach Münster fährt, um zu demonstrieren.

„Das ist ja wohl nicht wahr“, ruft ein Mann aus seinem Fahrzeug und schlägt mit beiden Händen mehrfach aufs Lenkrad, um sich abzureagieren. „Gleichzeitig erzählen sie uns im Radio, wird sollen den Mist hier vorbeibringen.“ Eine Frau droht durchs Gitter: „Dann stelle ich Ihnen die Säcke jetzt einfach vors Tor.“ Verwaltungsmitarbeiter Matthias Krätzig winkt ab. Nein, das solle sie besser nicht machen. Das gebe neuen Ärger.

Ein Ehepaar aus Vorhelm ist so aufgebracht, dass die Stimmen beinahe wegbrechen. Wenn sie niemanden aufs Gelände lassen, würden sie alles im hohen Bogen über den Zaun werfen. Für zwei Säcke führen sie nicht noch ein zweites Mal zwölf Kilometer. Wieder beschwichtigt Krätzig, ehe der nächste Vorhelmer die Scheibe runter und seinen Ärger raus lässt. Bei einem Vier-Personen-Haushalt und einer kleinen Tonne könne er nicht noch weitere zwei Wochen warten, bis sich die Stadt bequeme. . . - Ein anderer bringt seinen Ärger ohne Worte rüber und zeigt den Mittelfinger.

Im Büro der Umweltbetriebe ist die Stimmung kaum entspannter. Hier geht das Theater am Telefon weiter. Je später der Morgen, desto häufiger die Anrufe. Und umso schärfer die Verbalattacken gegen diejenigen, die am wenigsten für die Situation können. „Die Leute werden böse. Das wird hier gleich noch richtig abgehen“, mutmaßt Schichtleiter Wolfgang Siehoff. Bemüht um Freundlichkeit, geht über vier Leitungen immer wieder die gleiche Information raus, den Müll - und eben nur diesen - noch bis zum nächsten Abfuhrtermin in zwei Wochen kostenlos vorbeibringen zu dürfen.

Gesitteter gleitet der Bürgerservice unten im Rathaus durch den ersten Streiktag. „Viele sind gegangen, viele erst gar nicht gekommen. Andere müssen länger warten, als sonst“, fasst Birgit Springenberg den Morgen zusammen, während sie ein zweites Hinweisschild neben das erste hängt. Mit der Blitzinfo, dass streikbedingt am Mittag für eine Stunde geschlossen wird. Von sechs auf zwei Leute abgespeckt, kommt das Service-Team sonst nicht durch diesen traditionell besucherstärksten Tag der Woche.

Zurück zum Betriebshof. Dort ist die Personaldecke ähnlich eng. Wolfgang Siehoff fehlen 27 seiner 40 Männer. Dennoch gelingt es Kollege Krätzig, den Winterdienst in ganzer Stärke ausrücken zu lassen. Das Blitzeis, das am Morgen auf den Straßen liegt und um 3.40 Uhr die Alarmglocken schrillen lässt, wiegt mehr als der Streik. Zwar hat sich Hälfte der Räumkräfte Richtung Münster verabschiedet. Freiwillige aus anderen Abteilungen füllen aber die Lücken komplett auf. Schließlich geht die Sicherheit vor.

Zum Schluss noch zum Streik: An dem beteiligten sich laut „Verdi“ 78 Stadtbedienstete auf der zentralen Kundgebung in Münster. Und nun? „Wir sind still bis zur nächsten Verhandlungsrunde am 10. Februar“, lässt Bernd Bajohr, Geschäftsführer des „Verdi“-Bezirks Münsterland wissen.

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