1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Der Traum lebt

  6. >

Aus Frankreich berichtet unser Sportredakteur Alexander Heflik

Der Traum lebt

Alexander Heflik

Feytiat - Nur der Name verspricht einiges. Comfort Inn steht auf dem Schild, die Herberge liegt genau zwischen der Stadtautobahn von Limoges und einem Industriegebiet in Feytiat, in einer Autowerkstatt vis-a-vis stehen ein paar rostige Citroen zur Reparatur bereit. Laut ist es hier, nicht nur, weil die Milram-Mechaniker mit Hochdruckreinigern die Teamfahrzeuge auf Vordermann bringen. Ein Orangenbaum im Foyer hebt dann das Ambiente, die Zimmer sind spartanisch eingerichtet und alles andere als ideal für professionelle Radfahrer. Ein übergroßes Bett und ein Zustellbett müssen sich zwei Athleten aufteilen, einer ist immer der Verlierer, selbst am Ruhetag. Fabian Wegmann hat sich längst arrangiert, ihn stört das nicht, außerdem hat er stets seine eigenes Bettzeug dabei, ein bisschen Heimat geht immer.

Neun Renntage liegen hinter dem 29 Jahre alten gebürtigen Münsteraner. „Ich habe mich nicht gut gefühlt. Aber jetzt wurde es von Tag zu Tag besser“, lautet seine eigenwillige Analyse der ersten Rennphase. Tatsächlich hatte der zweimalige Deutsche Meister wohl länger an einem Sturz im Juni zu knabbern, als ihm lieb war. Nacken und Oberschenkel waren damals in Mitleidenschaft gezogen worden. „Man hat ja immer irgendwelche Wehwehchen, so richtig habe ich es wohl nicht gemerkt, dass da noch was war. Erst beim Zeitfahren in Monaco in der extremen Sitzhaltung“, sagt Wegmann.

So kam nicht viel zustande für den ambitioniert gestarteten Profi bislang: „Dass ich Linus auf der verwehten Etappe nach vorne gelotst habe und er so um einen Zeitrückstand rum kam, war noch mein größtes Erfolgserlebnis.“ Die Bergetappen in den Pyrenäen verbrachte er im Autobus, so wird der Rest des Pelotons genannt, der einfach nur das Ziel erreichen will. Anders als bei seinen bisherigen fünf Tour-Teilnahmen versuchte er sich im Spagat, einerseits die Blessuren zu beheben und andererseits Kräfte zu sparen. Er, der sonst fantasiereich versucht in Fluchtgruppen zu gelangen und dabei oft verschwenderisch mit seinen körperlichen Ressourcen umgeht, hat sich einiges aufgehoben.

„Die nächsten drei Etappen sind nichts für Sprinter. Da stecken mindestens 3000 Höhenmeter jeweils drin, da haben Ausreißer große Chancen“, spekuliert der Milram-Fahrer auf einen Coup. Und wenn er erst einmal in der richtigen Führungsgruppe sitzt, dann habe er auch die Chance auf den Etappenerfolg. Rock`n`Roll will der Blondschopf spielen, ehe die Glocken läuten, Schließlich heiratet er am 7. August seine langjährige Lebensgefährtin Johanna. Ein Etappensieg als zusätzliches Hochzeitsgeschenk - es dürfte der geheime Plan des Fabian W. sein.

Startseite