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Der Übervater – Strauß bleibt für CSU Maß aller Dinge

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München – Zwanzig Jahre nach seinem Tod scheint Franz Josef Strauß wieder allgegenwärtig. In ungezählten Büchern, Artikeln und Interviews wird des legendären CSU-Chefs und bayerischen Ministerpräsidenten gedacht. Seine Partei feiert den am 3. Oktober 1988 gestorbenen Übervater mit Ausstellungen, Buchpräsentation und einem wissenschaftlichen Symposium in München.

Kaum ein anderer deutscher Nachkriegspolitiker wurde von seinen Bewunderern so geliebt wie der Sohn eines Schwabinger Metzgers, der zu einer der prägenden Figuren der Bundesrepublik wurde. Kein anderer überstand so viele Skandale und Affären, wurde von seinen Gegnern so bekämpft. Außerhalb des Freistaats galt er als Urbild des Bajuwaren schlechthin.

Strauß polarisiert noch nach seinem Tod. Ein als allgemeingültig anerkanntes historisches Verdikt steht nach wie vor aus. Wer Freunde und Feinde von einst befragt, mag kaum glauben, dass über ein und denselben Menschen gesprochen wird. Gleich zwei neue Strauß-Bücher sind in diesen Tagen erschienen. Strauß' langjähriger Vertrauter und „Bayernkurier“-Chefredakteur Wilfried Scharnagl stellte „Mein Strauß“ vor, Sohn Franz Georg Strauß veröffentlicht „Mein Vater“.

„Das Hauptmotiv war, gewisse Dinge richtig zu stellen und die Erinnerung an den Menschen wach zu halten“, sagt Franz Georg Strauß (47), der sich Zeit seines Lebens aus der Politik herausgehalten hat. Scharnagl zeichnet das Bild eines Verkannten: großzügig, warmherzig, lebensfroh, charmant, gebildet, von ungeheurer Intelligenz. CSU-ler berichten von einem häufig zögernden, nachdenklichen, manchmal sogar unsicheren Mann – das genaue Gegenteil des öffentlichen Kraftmeiers.

Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause, die Strauß von 1986 bis 1988 in seinen letzten zwei Jahren im bayerischen Landtag erlebte, erinnert ihn dagegen als „verbittert und verbiestert“. Ein Strauß, der die grünen Parlamentsneulinge ächtete und von offiziellen Anlässen ausschloss. „Sein Demokratieverständnis ließ zu wünschen übrig“, sagt Bause. „Ein reiner Machtmensch, der Lebensart hatte“, sagt Landtagsvizepräsident Peter Paul Gantzer (SPD). Die Skandale hätten im Freistaat „noch zur Erhöhung des Menschen beigetragen“. Strauß sei ein „typisch bayerisches Phänomen“ gewesen, meint der Sozialdemokrat Gantzer.

„Franz Josef Strauß war eine Persönlichkeit, die polarisiert hat, die leidenschaftliche Zustimmung und leidenschaftliche Ablehnung erfuhr. Er hatte immer eine gewisse ambivalente Wirkung“, sagt Bayerns Landtagspräsident Alois Glück (CSU), der selbst nie zur Strauß-Clique zählte. „Ich habe keinen anderen Menschen erlebt, bei dem so hohe intellektuelle Fähigkeiten und die Gaben eines Volkstribunen so nahe beieinander lagen. Er war ein äußerst präziser Kopf und gleichzeitig ein genialer, manchmal demagogischer Vereinfacher.“ 

Die Skandale, Affären und Kontroversen spielen in der Erinnerung der CSU kaum eine Rolle – von der „Spiegel“-Affäre, in deren Verlauf Strauß den Bundestag belog, bis zur Flugbenzin-Debatte in den achtziger Jahren. Doch war der Stern des großen Vorsitzenden auch in Bayern bereits im Sinken, als Strauß 1988 plötzlich starb. Erste größere Irritationen seien mit dem Milliardenkredit für die DDR gekommen, sagt Glück. „Das war für viele CSU-Mitglieder nicht nachvollziehbar.“

Fest steht, dass ohne Strauß vor allem die CSU und Bayern heute anders aussähen. „Er hat in besonderer Weise die Verbindung von Tradition und Fortschritt  vorangetrieben und auch selbst verkörpert“, sagt Glück. In Strauß' jahrzehntelanger Amtszeit als CSU-Chef von 1961 bis 1988 legten die Christsozialen die Grundlage für ihre Dominanz im Freistaat und ihre bundespolitische Sonderstellung. Bayern und die CSU wurden deutschlandweit im öffentlichen Bewusstsein zur Einheit.

Gleichzeitig pflegte Strauß das konservative Gesellschaftsbild, das den Freistaat im übrigen Deutschland rückständig aussehen ließ. „Frauen konnten erst als Beamtinnen zur bayerischen Polizei, nachdem Strauß gestorben war“, nennt Gantzer ein Beispiel. „Strauß hat gesagt, der Beruf der Polizei sei mit dem Ansehen der Frau nicht vereinbar.“

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