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Deutsches Team

Deutsche Nationalmannschaft ist ein „kleines bisschen Lena“

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Münster - Dr. Bernd Strauss ist Professor für Sportpsychologie an der Universität Münster und weiß natürlich nicht, was sich in den Köpfen von Bundestrainer Joachim Löw, Kapitän Philipp Lahm und dem Nationalspieler abspielt, der noch erfährt, dass er statt zur WM in den Urlaub fahren muss.

Aber Dr. Bernd Strauss weiß, was sich in den Köpfen abspielen könnte, und gönnt auch WN-Redakteur Ansgar Griebel einen Blick in die Psyche der kollektiven deutschen Fußballhoffnung.

Am Samstag hat die 19-jährige Lena Meyer-Landrut für Deutschland den Grand-Prix gewonnen - und es schwappte eine Euphoriewelle über das Land wie zuletzt beim WM-Viertelfinalsieg gegen Argentinien 2006. Kann die deutsche Nationalelf diesen musikalischen Rückenwind auch bei der WM nutzen?

Strauss: Deutschland war schon auf Wolke sieben, das stimmt. Aber das wird sicher keine Auswirkungen auf dem Fußballplatz haben. Solche Effekte verpuffen sehr schnell. Aber ein bisschen Symbolik steckt da durchaus drin. Lena Meyer-Landrut ist jung und unbekümmert und hat Deutschland völlig überraschen so eine Art „Europameister-Titel“ gesichert. Darauf kann auch die Nationalmannschaft hoffen.

Also kein besonderer Schub durch „Satellite“?

Strauss: Nein. Was hilft, sind die unmittelbaren Erfahrungen. Ein Sieg, noch besser ein Sieg mit guter Leistung im Eröffnungsspiel, das kann den nötigen Schwung bringen. Das kann einen Lauf geben oder andernfalls zum Desaster führen.

Wenn Lena schon nicht hilft, wie sehr schaden dann die jüngsten Ausfälle der deutschen Spieler?

Strauss: Im Fall Ballack ist das schwierig zu beurteilen. Es wäre schlimmer, einen Superstar spielen zu lassen, der seine Leistung nicht abrufen kann, als ihn erst gar nicht dabeizuhaben. Wenn alles auf einen Spieler schaut, der nicht gut spielt, dann hat das sicher Auswirkungen auf den Rest der Mannschaft. So kann sich die deutsche Mannschaft, die eine jungen Mannschaft ohne ausgewiesene Superstars ist, möglicherweise noch enger zusammenrücken und ihr großes, zweifellos vorhandenes Potenzial abrufen.

Dann war Ballacks Verletzung ein Glücksfall für Deutschland?

Strauss: Nein, natürlich nicht. Superstars sind deswegen super, weil sie in der Lage sind, super Fußball zu spielen.

Nach Michael Ballack gab es zwei weitere Ausfälle unter den WM-Kandidaten. Kann so ein „Fluch“ Auswirkungen auf die Psyche haben?

Strauss: Nur, wenn man aus solchen eigentlich zufälligen Ereignissen einen nicht vorhandenen Zusammenhang (wie eine Pechsträhne) ableitet und nun gerade weitere Verletzungen im Team befürchtet - aber das wäre Unsinn. Löw`s Psychologie-Abteilung wird daran arbeiten, dass dies keine negativen mentalen Folgen hat.

Bis heute (24 Uhr) muss der 23er-Kader für Südafrika benannt werden. Für einen der 24 verbliebenen Kandidaten endet damit vorzeitig das WM-Abenteuer. Ist das ein bedeutendes Datum für diese WM-Kampagne?

Strauss: Für den betroffenen Spieler sicherlich. Dem ist es auch egal, ob es drei trifft oder nur einen. Das deutsche Fußball-Schicksal wird von dieser Entscheidung aber nicht betroffen.

Was kann das Selbstbewusstsein der Mannschaft wenige Tage vor WM-Beginn jetzt überhaupt noch erschüttern oder stärken?

Strauss: Ich denke, dass die Psychologen jetzt noch viel zu tun haben. Die Teambildung ist sicher ein wichtiger Punkt. Für die Spieler ist es auch sehr wichtig, jetzt runterzukommen und noch einmal zu entspannen. Mit dem ersten Anpfiff stehen sie dann wieder unter Strom und müssen das ganze Potenzial abrufen können.

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