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Die Außenseiter der digitalen Welt

Stefan Werding

Emsdetten - So viel Kaffee kann Carsten Plummer gar nicht trinken. Ein Bild vom letzten Grillabend per Mail verschicken? Mal eben ein Auto im Internet ansehen? Kurz die Mails ans Büro prüfen? „Vergiss es“, sagt der 41-jährige Fachingenieur für Versorgungstechnik. Die Menschen im Emsdettener Stadtteil Hembergen sind die Außenseiter der digitalen Welt.

Wer dort per ISDN-Leitung das Internet nutzen muss, hat viel Zeit zum Kaffeekochen. Für die Telefonanbieter ist ein Dorf mit 600 Einwohnern offenbar nicht die Mühe wert, ein eigenes Kabel zu verlegen. Ein Hotelier verliert Kunden, weil er keine arbeitsfähige Internetverbindung bieten kann, andere Unternehmer und Privatleute hatten die Nase ebenfalls voll.

Darum machen die Hembergener das jetzt auf eigene Faust. In Eigenregie haben sie von einem Kabel rund um den FMO eine Verbindung gelegt, haben mit einem speziellen Bohrgerät einen Schacht unter der Ems und unter Asphalt hergeschoben. Geholfen hat das Glück: Plummer hat Erfahrung im Umgang mit Behörden, hat ungezählte Anträge geschrieben. Auf seiner Straße wohnt der Mitarbeiter einer Baufirma, der ausgerechnet die Horizontalbohrmaschinen bedient, mit der sich der Kanal für die Kabel durch den Boden pressen lässt.

„Sie müssen sich von der Idee verabschieden, dass da wie zu Kaiser Wilhelms Zeiten Hunderte von Leuten mit der Schippe in der Hand den Max-Clemens-Kanal ausschachten“, sagt Plummer. An zwei Tagen bei minus zehn Grad haben die beiden ein Drittel der 1500 Meter langen Strecke gebohrt und ausgeschachtet. Für die übrige Strecke nutzten sie stillgelegte Wasserleitungen, die ihnen die Stadtwerke Emsdetten zur Verfügung stellten.

Die zogen auch die geplanten Verlegungen von Wasserrohren vor, sodass die Verbindung jetzt so gut wie steht. „Ohne unsere Leerrohre wäre das nie wirtschaftlich geworden“, sagt Helmut Deilen von den Stadtwerken Emsdetten. Normalerweise würde der Tiefbau 70 Prozent der Kosten verschlingen. So blieben für die Bürger noch 4500 Euro, die Sponsoren im Dorf übernommen haben. Ein Jahr hat es vom ersten Anruf bis heute gedauert, am 1. Juli sollen die Hembergener ans Netz gehen. Dann bekommen sie VDSL. Schneller geht´s nicht.

Plummer hatte zufällig beim Joggen gesehen, wie Mitarbeiter des Telefonanbieters Osnatel 500 Meter von seiner Haustür ein Kabel verlegten. Das und die Ermunterung des Emsdettener Bürgermeisters, sich um eine neue Telefonverbindung zu kümmern, veranlassten ihn, mit Osnatel Kontakt aufzunehmen.

Laut Heiko Beylich, Sprecher des Unternehmens, hat sich der Einsatz auch kaufmännisch gelohnt. „So viel Initiative haben wir selten erlebt“, sagt er. Der Einsatz der Hembergener hätte das Engagement seines Unternehmens „rentabel gemacht, so dass wir die Glasfaserkabel relativ günstig verlegen konnten“. Osnatel hatte sich nur für 80 neue Verträge auf das Geschäft eingelassen. Dafür müssen die Menschen in Hembergen keinen Cent mehr bezahlen als andere Kunden auch: 39,99 Euro für eine Internet- und Telefonflatrate.

Wer denkt, dass die Hembergener Plummer vor Dankbarkeit um den Hals fallen, täuscht sich. Immerhin werden über 100 der 200 Haushalte neue Verträge unterschreiben, aber ein Dorffest ist nicht geplant.

Obwohl Internetanbieter bald per Funk kleine Orte mit DSL erschließen sollen, hält Plummer seinen Einsatz nicht für vergebens. Ganz im Gegenteil: „Selbst mit Funk hätten wir in der Prioritätenliste ganz weit hinten gestanden. Bei uns würden die Funkkästen auch wieder zuletzt stehen“, sagt er. Bis dahin wären auch wieder Jahre vergangen.

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