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Berlinale-Tagebuch (8

Die deutsche Rostbratwurst und was Henry Hübchen damit zu tun hat

wn

Gestern Abend vor dem Rostbratwurststand vor den Arkaden am Potsdamer Platz. In der Schlange wartet geduldig ein feiner Herr mit weißen Haaren vor mir, dreht sich kurz zur Seite, ich erkenne Henry Hübchen.

Den finde ich seit langem sympathisch, in den „Polizeiruf 110“-Folgen, wo er zu DDR-Zeiten meist den Gauner spielte, in „Alles auf Zucker“ sowieso. Und er ist mir ans Herz gewachsen, seit er in der legendären NDR-Talkshow „3nach9“ den arroganten Giovanni di Lorenzo und den berserkerhaften Florian Henkel von Donnersmarck in ihren nicht enden wollenden Lobeshymnen auf „Das Leben der Anderen“ mit wenigen ironsich lässigen Bemerkungen aus der Fasson brachte und der sonst so auf Benimm setzende Heuchler di Lorenzo ihm das Wort verbot (viele aus dem Osten und auch aus dem Westen, mit denen ich später darüber sprach, schauen die Talks seitdem nicht mehr).

Beim Warten auf die Wurst gerieten Henry und ich in einen Diskurs über das Wesen der deutschen Rostbratwurst. Gewiss, meinte Henry, sie ist proletarisch, aber eine mit dem Charakter der Arbeiterklasse, geradlinig. Verbogen ist sie von den Bürgern worden, die dem Malocher keine aufrechte kernige Bratwurst gönnten. Du hast Recht, pflichtete ich bei, die heutige deutsche Rostbratwurst ist Karl Marx ohne das Kapital, Lenin ohne das Mausoleum, Che Guevara ohne die Zigarre.

Aber, sagte Henry, wir wollen doch nicht vergessen, dass sich ihr Geschmack nicht verändert hat, nach wie vor wärmt sie gleich mit dem ersten Biss die Zunge und gibt uns das Gefühl wohlig angerosteter Männlichkeit. Stimmt, und sie als das Brot der Armen abzustempeln ist eine Gemeinheit. Und auch, fiel Henry ein, ein Affront gegen all die, die Fußballstadien nicht der Kicker, sondern ihres ganz speziellen Aromas wegen aufsuchen. Die deutsche Bratwurst, würde ich sogar sagen, ist die einzige Leitfigur in diesem Land, der man noch vertrauen kann.

Sprach`s, bestellte, bezahlte, nahm das Wechselgeld in Empfang, trug seine Bratwurst im Brötchen im Triumph zum Senfautomaten, drückte und ging grüßend von dannen. Hätte ich doch bloß meine Kamera rausgeholt. Aber man muss einem Kerl wie Henry Hübchen seine Privatspäre lassen. Mit Bratwurst.

One Love.

P.S. Bis auf den Dialog ist alles wahr. Und Henry ist in Ordnung. Warum fällt mir ausgerechnet jetzt ein, dass Julia Jentsch um ihren Auftritt betrogen wurde. Von der Kanzlerin. Mag sie keine Bratwurst?

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